Salzburg – oder ein neues Kapitel in meinem Leben…

Heute gibt es einmal weniger wissenschaftliche, dafür aber mehr persönliche Post hier auf meinem Blog… 🙂 Nämlich arbeite ich seit gestern, 1. Oktober 2018, an der Uni Salzburg als Dissertantin für italienische und französische Sprachwissenschaft, also genau in dem Bereich, in dem auch meine Dissertation anzusiedeln ist. Für die nächsten vier Jahre werde ich also nicht mehr an der Uni Innsbruck anzutreffen sein, sondern nun an der Uni Salzburg.

Für die Arbeit an meiner Dissertation ändert sich aber nichts oder fast nichts: Die Erstbetreuerin für meine Diss an der Uni Innsbruck wird zu meiner Zweitbetreuerin, mein Vorgesetzter an der Uni Salzburg wird zu meinem Erstbetreuer. Und die Arbeit an meiner Diss geht weiter wie bisher, mit transkribieren, analysieren, schreiben, auf Tagungen Vorträge halten, Geschriebenes überarbeiten, und und und…

Auch mein Blog wird sich nicht groß verändern, ich werde auch in Zukunft – und das hoffentlich ein bisschen öfter 😉 – meinen Blog mit Inhalten bespicken, die mich in der Arbeit an meiner Diss beschäftigen oder auch über Tagungen und Workshops berichten.

Was sich ändert, ist, dass ich in einem anderen Büro sitze, mit einem anderen Ausblick (aber immer auf Berge!!) und dass sich mein Arbeitsumfeld aus anderen Personen wie bisher zusammensetzt. (Was aber nicht heißt, dass ich mit meinen bisherigen Arbeitskolleg/innen und Wegbegleiter/innen keinen Kontakt mehr habe!) Auch tauche in eine neue Forschungslandschaft ein, nämlich in jene der Uni Salzburg und lerne dort hoffentlich neue und interessante Forschungsprojekte kennen, die mir eventuell auch für die Arbeit an meiner Diss neue Richtungen aufzeigen.

Eine neue Richtung hat sich für mich bereits ergeben, nämlich werde ich einen Teil meines Corpus nun auch phonetisch transkribieren und analysieren. Das hängt damit zusammen, dass mein Erstbetreuer und Vorgesetzter Spezialist auf diesem Gebiet ist und er meiner Diss auch eine Art Touch verleihen möchte. 🙂 Die phonetische Analyse / Transkription stellt ziemliches Neuland für mich dar, eine Einlese- und Einübephase steht mir sicherlich in nächster Zeit bevor… Hier auf meinem Blog werde ich darüber schreiben, wie ich voran komme und wie ich mich in diesem Neuland zurechtfinde…

Außerdem steht in nächster Zeit, nämlich noch im Oktober, ein Workshop in Halle mit Anna W., Maximilian K. und Axel S. an. Mit den drei treffe ich mich nun bereits das vierte oder fünfte Mal – und sicherlich auch nicht das letzte Mal. Wir beschäftigen uns jedes Mal mit Instruktionen in Proben (Genaueres dazu kann auch in älteren Blogbeiträgen nachgelesen werden) und kommen immer wieder auf neue Ergebnisse und Erkenntnisse. Das Thema der Instruktionen ist – glaube ich – noch lange nicht ausgereizt! 😉

Es stehen auch noch einige weitere Projekte in Aussicht, darüber möchte ich aber noch nicht zuviel verraten, es sei nur soviel gesagt: Langweilig wird mir sicher nicht! 🙂

Aus Salzburg, mm

 

Das war Essen!

…wie versprochen berichte ich in diesem Blogbeitrag über meine Zeit in Essen, über die Ergebnisse der Datensitzung zum Thema Vorsingen in der Orchesterprobe und auch über den einen oder anderen kulinarischen Leckerbissen, den man in Essen nicht verpassen sollte… 😉

Aber  beginnen wir von vorne… Es war heiß in Essen, sogar sehr, sehr heiß. In meinem Hotelzimmer gab es keine Klimaanlage und auch an der Uni mussten wir uns in dem Seminarraum, in dem unsere Datensitzungen stattfanden, nur notdürftig mit einem Ventilator aushelfen. Der Hitze zum Trotz arbeiteten wir intensiv mit und an unseren Videodaten und kamen zu wichtigen, neuen und interessanten Erkenntnissen, von denen ich einige nun ein wenig genauer ausführen möchte.

In meinem letzten Beitrag (Time for a new adventure…) und auch in dem Beitrag über das Singen in der Orchesterprobe („Even shorter, ti ta ta ta ta to to to, ja?“) habe ich über den Unterschied zwischen Vor- und Nachsingen gesprochen. Der Dirigent oder die Dirigentin kann in einer Probe das, was die Musiker/innen gespielt haben, nachsingen oder aber auch eine Version vorsingen, die neu ist bzw. einen Kontrast zum soeben Gespielten aufzeigt. In unserer Datensitzung in Essen haben wir noch einen weiteren Singtyp entdeckt, nämlich das Mitsingen. Einige der Dirigenten meines Corpus singen simultan zur Darbietung der Musiker/innen mit und versuchen so die Musik in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dieses Mitsingen kann mit verbalen Instruktionen verglichen werden, die die Dirigierenden während des Spiels der Musiker/innen immer wieder einwerfen bzw. in den Raum rufen. Ziel ist es, dass die Musiker/innen unmittelbar auf die Anweisungen des Dirigenten/der Dirigentin reagieren und die gewünschte Spielweise oder Interpretation sofort musikalisch umsetzen.

Außerdem fiel uns während der Datensitzung auf, dass sich die Dirigierenden in ihrem Singen auf unterschiedliche Aspekte fokussieren können. Zum einen gehen sie auf technische Aspekte ein, zum anderen verarbeiten sie auch artikulatorische, dynamische oder interpretatorische Eigenheiten der Musik. Hinzu kommt, dass es Videoabschnitte gibt, in denen die Dirigierenden mit einem Aspekt starten, z.B. einem artikulatorischen und dann noch weitere Instruktionen anfügen, die die Dynamik oder die Interpretation betreffen. Das Vor- und Nachsingen verleitet die Dirigierenden in diesem Sinne zu weiteren Instruktionen, die sich übereinander lagern, aber immer auf die ein- und dieselbe Stelle in den Noten bezogen sind. In einem Wechsel zwischen vorgesungenen Passagen und nachgespielten Passi der Musiker/innen wird die Stelle so lange geprobt, bis sie in den Ohren des Dirigenten soweit gut klingt.

Die Frage, die sich für mich in diesem Zusammenhang stellt und an der ich auch in nächster Zeit arbeiten werde, ist, welche Aspekte die Dirigierenden in ihrem Singen eher behandeln: technische, artikulatorische, dynamische oder interpretatorische? Ich werde also versuchen, eine Art Statistik aufzustellen, in der ich die Häufigkeit der einzelnen Aspekte eintrage und dann auch feststellen kann, wo sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der verschiedenen Dirigierenden in meinen Videodaten ergeben. Ich werde auf die Ergebnisse dieser Statistik – sobald ich sie erarbeitet haben werde – in einem meiner künftigen Blogbeiträge noch eingehen.

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Zum Schluss nun aber noch etwas zu meinen Erfahrungen mit dem Essen in Essen… 🙂 Empfehlenswert wäre zum einen das Restaurant Seitenblick, das sich mitten in Essen befindet und zu Fuß vom Bahnhof in 5-10 Minuten erreichbar ist. Ich habe dort zum ersten Mal in meinem Leben ein Wassermelonensteak gegessen…

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…sieht nicht nur gut aus, sondern schmeckt auch sehr gut, wenn auch ein bisschen nach Fleischgrillgewürz. Das Restaurant bietet einige nicht alltägliche Gerichte an, wie z.B. vegane Aufstriche – die ebenfalls weiterzuempfehlen sind – oder die Stulle ohne Stulle, die Preise sind aber auch dementsprechend etwas höher als normal. Ein weiteres Manko: die lange Wartezeit auf das Essen, obwohl im gesamten Restaurant nur einige wenige Tische besetzt waren…

Sehr nahe legen kann ich außerdem die Mensa an der Uni in Essen. Man kann als Gast dort ganz einfach und kostengünstig zu Mittag essen, es gibt auch vegetarische und vegane Gerichte und der Geschmack des Essens steht einem Restaurant in keinster Weise nach. Ich bin eigentlich nicht der Fan von Mensen, aber diese Uni-Mensa hat mich überzeugt: Sie besticht nicht nur des Angebotes und des Geschmackes wegen, sondern auch durch ihre Konzeption und das ansprechende Design. Also: Zum Essen in Essen nicht die Mensa an der Uni vergessen! 🙂

mm

P.S.: Hier noch ein paar weitere Eindrücke zu Essen…

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Time for a new adventure…

…dieses Mal in Essen! Ich sitze gerade in meinem Hotelzimmer in Essen und verfasse diesen neuen Blogbeitrag zu einem bevorstehenden Workshop an der Universität Duisburg / Essen. Der Workshop wird heute Nachmittag und morgen ganztätig stattfinden und sich – ein weiteres Mal – mit Instruktionen in Theater- und Orchesterproben beschäftigen. Unsere Gruppe, bestehend aus Maximilian K. aus Essen, Anna W. aus Halle, Axel S. aus Mannheim und mir, hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema der Instruktionen in Proben(prozessen) noch genauer unter die Lupe zu nehmen und auch etwas wissenschaftlich Fundiertes dazu herauszugeben.

Wir erforschen alle vier entweder Theater- oder Orchesterproben und haben schon früh festgestellt, dass uns das Thema der Instruktionen, Anweisungen und Korrekturen verbindet und dahingehend – auch wenn wir alle mit unterschiedlichen Videodaten arbeiten – viele Gemeinsamkeiten (aber auch Unterschiede) auftauchen. Bei diesem Workshop möchten wir uns wiederum auf Instruktionen konzentrieren, dieses Mal aber einzelne Merkmale, die in instruktiven Passagen hervortreten, genauer untersuchen. Und wie könnte es anders sein, ich habe mich für das Vorsingen als sich hervortuende instruktive Praktik in der Orchesterprobe entschieden. Ich habe bereits in einem meiner vorigen Beiträge („Even shorter, ti ta ta ta ta to to to, ja?“) einige Gedanken zum Thema Vor- und Nachsingen in der Orchesterprobe angestellt. Ich habe dort das Singen der Dirigierenden als eine Art Ersatzhandlung für das Spielen eines Instruments bezeichnet. An diese Feststellung möchte ich nun noch den Gedanken anfügen, dass es ja an und für sich nicht wirklich möglich ist, über Musik zu sprechen, sondern dass dafür meistens Metaphern ins Spiel kommen. Einige Dirigierende arbeiten hier mit Alltagsbildern, andere mit Bildern, die an Vorgänge in der Natur anknüpfen, wiederum andere versuchen Klänge durch Farben zu beschreiben. Eine andere – und weitaus gängigere – Möglichkeit besteht auch darin, einen Klang zu imitieren bzw. vor- oder nachzusingen. Wie bereits in dem oben erwähnten Blogbeitrag beschrieben, fehlen den Dirigierenden, die in meinem Datencorpus vorkommen, meist die sprachlichen Kompetenzen in der Arbeitssprache des Orchesters, um in Metaphern zu sprechen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sie auf einen allgemein verständlichen Code zurückgreifen, nämlich dem Singen. Für dieses Singen setzen sie Tonsilben ein, die auf den ersten Blick frei von jeglichem Sinn erscheinen, bei genauerem Hinsehen jedoch sehr wohl sinnreich und voll an semiotischem Material sind.

Folgende Fragen möchte ich im Laufe des Workshops zur Diskussion stellen:

  • Welche Funktionen kann das Vor- und Nachsingen haben?
  • An welchen Stellen in der Probe setzen die Dirigierenden das Singen ein?
  • Wie singen sie vor? Kommen auch Gestik und Mimik während des Singens zum Einsatz?
  • Gibt es verschiedene Arten des Vorsingens (summen, mit Tonsilben, mit Lauten, usw.)?
  • Kann zwischen Vor- und Nachsingen unterschieden werden?
  • Gibt es Gemeinsamkeiten im Singen bei den unterschiedlichen Dirigierenden?
  • Wie reagieren die Musiker/innen auf das Singen?

Einige dieser Fragen habe ich bereits ansatzweise in dem oben erwähnten Blogbeitrag beantwortet, deshalb verweise ich gerne nochmals darauf. Auch als eventuelle Einstimmung und Vergleich zu den Ergebnissen der Analysen des Workshops, die ich natürlich im Anschluss daran hier auf meinem Blog teilen möchte. Und – wie es die Tradition so will – werde ich auch ein wenig über die Stadt Essen und meinen Aufenthalt hier berichten… Vielleicht gibt es ja das eine oder andere interessante Restaurant, das einen Besuch wert sein könnte, wenn jemand meiner Leserinnen oder Leser in nächster Zeit in Essen sein sollte… 🙂

Bis bald, mm

Basel 2.0

Ja, ich war ein weiteres Mal in Basel! Dieses Mal habe ich am 6. Juni einen Vortrag zum Einsatz von multimodalen Ressourcen in der Orchesterprobe auf der VALS/ASLA-Tagung (VALS = Vereinigung für Angewandte Linguistik in der Schweiz) gehalten. Ich war bereits letztes Jahr im Juni in Zürich auf der VALS/ASLA-Tagung (siehe auch meinen Beitrag „Das war Zürich…“ dazu) und habe dort einen Vortrag zur Mehrsprachigkeit in Orchesterproben gehalten. Dieses Jahr stand die Tagung unter dem Motto „A Video Turn in Linguistics?“ und beschäftigte sich mit den Themen multimodale Analysen, methodologische Aspekte in der Arbeit mit Videodaten, sowie Verwendung von Video in der Feldforschung.

Da meine Videodaten ja stark mit multimodalen Elementen wie Sprache, Gestik, Mimik, Blick, Haltung und Körperbewegung, bestückt sind, habe ich einen Ausschnitt aus einer Orchesterprobe des Orchestre de Rouen für die Tagung ausgewählt, diesen im Vorfeld einer ausgiebigen multimodalen Analyse unterzogen und die Ergebnisse in meinem Vortrag auf der Tagung präsentiert. Dabei habe ich mich vor allem auf die Mimik und die Gesten des Dirigenten Antony Hermus konzentriert, die er verwendet, wenn er instruiert, korrigiert oder erklärt. Es stellte sich heraus, dass der Dirigent die Mimik und Gestik, die er in Unterbrechungen der Musik anwendet, auch in ähnlicher Art und Weise einsetzt, sobald das Orchester spielt und er gleichzeitig zur laufenden Musik Anweisungen gibt. Der Dirigent hat mir – nach Rückfrage – verraten, dass er vor allem sich ähnelnde Gesten dahingehend benutzt, als dass sich eine Art Muster bilden kann: d.h. wenn die Musiker/innen eine bestimmte Geste von ihm sehen, wissen sie sofort, was diese bedeutet und was er von ihnen hören möchte.

Diese Art von Muster zeigt sich auch in meinen Daten. Der Dirigent zeigt z.B. in einer Unterbrechung der Musik mit seinen Händen, die er beide mit ausgestreckten Zeigefingern vor seiner Brust langsam nach vorne führt, an, dass er einen langgezogenen Klang hören möchte. Er unterstützt diese Geste durch eine verbale Anweisung, nämlich „c’est possible long“, was soviel bedeutet, wie „Könnt ihr das/diesen Ton bitte lang spielen?“. Sobald das Orchester genau diese Stelle dann nochmals spielt, verwendet der Dirigent simultan zur Musik eine ähnliche Geste: Während er mit dem Taktstock in der rechten Hand dirigiert, führt er seine linke Hand mit der Handfläche nach unten von links außen bis vor seine Brust. Damit impliziert der Dirigent den langen, getragenen Klang, den er in der Unterbrechung vorher bereits ausführlich erklärt – und auch vorgesungen – hat.

Solche oder ähnliche Beispiele kommen noch mehrere in dem besagten Videoausschnitt vor – somit bestätigt sich das vom Dirigenten angedeutete Muster, mit dem er in den Proben arbeitet und so versucht, Intersubjektivität auf ökonomische Art und Weise zu erreichen. Der Dirigent ist auch der Ansicht, dass die Musiker/innen sehr viel von dem verstehen, was er ihnen beibringen möchte, aber bestimmt nicht alles. Sobald sie spielen, merkt er, was angekommen ist und was nicht und er korrigiert dann auch teils seine Gesten, um das gegenseitige Verständnis zu erleichtern.

Es ist für mich sehr interessant zu sehen, wie der Dirigent seine Gesten (und teilweise auch die Mimik) während der Probe interpretiert. Ich habe in meinem Vortrag bewusst auch die Ansicht des Dirigenten mit eingebaut, um einen Vergleich zu meinen Analysen herzustellen und somit die Theorie greifbarer zu machen – ganz im Sinne der Angewandten Linguistik.

Die Tagung war – wie die meisten von mir bisher besuchten Tagungen – sehr interessant und lehrreich. Ich war leider nur an einem Tag auf der Tagung, da ich an den restlichen Tagen beruflichen Pflichten nachkommen musste, aber ich nehme neue Eindrücke und Ideen mit, die ich in meiner Dissertation verarbeiten und für künftige Vorträge auf anderen Tagungen verwenden werde.

Trotz der begrenzten Zeit hatte ich dieses Mal die Möglichkeit Basel auch ein wenig touristisch zu erleben und bin u.a. mit einer Fähre über den Rhein gefahren, habe die Stadt an und für sich ein bisschen mehr als das letzte Mal erkundet und habe auch so einiges über das Schwimmen im Rhein mit dem sogennanten Wickelfisch erfahren bzw. auch einen als Andenken mit nach Hause genommen… 🙂

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Als nächstes Ziel steht nun eine Datensitzung Ende Juli in Essen an – dazu aber mehr in meinem nächsten Blogbeitrag…

mm

P.S.: Die erstmalige Benutzung des Wickelfischs steht noch aus…

„Even shorter, ti ta ta ta ta to to to, ja?“

Heutiges Thema: Singen in der Orchesterprobe. Ein Thema, das sehr viel Raum in der Orchesterprobe einnimmt und deshalb in diesem Beitrag von mir besser unter die Lupe genommen wird. Alle Dirigierenden in meinem Datencorpus singen, einige weniger, andere mehr, einige in Unterbrechungen der Musik, andere auch simultan zur Musik.

Darum stellen sich mir gleich mehrere Fragen:

  1. Warum singen Dirigentinnen und Dirigenten in Orchesterproben?
  2. Welche Funktionen kann das Singen einnehmen?
  3. Wie singen die Dirigierenden bzw. welche Laute benutzen sie zum Singen?
  4. Kann zwischen einem Vorsingen und einem Nachsingen unterschieden werden?
  5. Wie reagieren die Musiker/innen auf das Singen?

Die Antwort auf die erste Frage möchte ich mir gerne bis zum Schluss des Beitrags aufsparen, denn sie ergibt sich aus den Ergebnissen der anderen Fragen. Also wird es zunächst um die Funktionen des Singens gehen. Dafür hier zwei Transkriptausschnitte aus einer Probe des Orchestre de Rouen:

Transkriptausschnitt 1
Transkriptausschnitt 2

In beiden Fällen hat der Dirigent Antony Hermus gerade die Musik unterbrochen, um eine Anmerkung zu einer bestimmten Stelle im Stück zu machen, auch in Verbindung mit Vorsingen. Im ersten Beispiel singt der Dirigent tagadagada, um die Stelle, die seiner Ansicht nach korrekturbedürftig ist, zu lokalisieren, ohne jedoch durch das Singen anzugeben, wie die Stelle nun genau gespielt werden soll. Im zweiten Beispiel hingegen verdeutlicht Antony Hermus durch sein Vorsingen, in welcher Art und Weise die von ihm ausgesuchte Stelle interpretiert werden soll. Er benutzt onomatopoetische Laute, wie jam pam pa oder tadadi tam, um das nachzuahmen, was die Musiker/innen spielen. Diese Laute könnten den Eindruck vermitteln, willkürlich durch den Dirigenten ausgewählt worden zu sein. Doch es steckt sehr viel mehr dahinter als man meinen möchte, nämlich zielt der Dirigent im zweiten Beispiel auf eine ganz bestimmte Artikulationsweise ab: very short martellato. Martellato ist in der Musik eine Artikulationsart, bei der die Noten gehämmert, d.h. kurz und kräftig gespielt werden sollen. Um diese Artikulation zu verdeutlichen, eignen sich die Laute pa(m) und ta(m) (oder auch ti), denn sie ermöglichen es, diesen Eindruck von kurz, hart und getrennt voneinander zu vermitteln. Der Dirigent gebraucht seine Stimme somit als eine Art Instrument, da er dadurch am nächsten an die Version der Musiker/innen herankommt.

Bei den anderen Dirigierenden in meinem Corpus kann außerdem beobachtet werden, dass sie die italienischen Tonsilben (do, re, mi, fa, sol, la, si) zum Singen einsetzen und dann auch die Notenfolge, so wie sie in der Partitur vorkommt, genauestens nachsingen.

Damit wären wir auch schon bei der vierten Frage, nämlich, ob zwischen einem Vor- und Nachsingen unterschieden werden kann. Dabei muss vorweg genommen werden, dass das Singen in der Orchesterprobe auch noch eine dritte Funktion haben kann: Kontraste aufzeigen. Falls die Dirigierenden das Singen verwenden, um Vergleiche zwischen zwei unterschiedlichen Versionen der ein- und derselben Stelle anzustellen, kann zwischen einem Vorsingen und einem Nachsingen unterschieden werden. Hierzu noch ein dritter Transkriptauszug aus derselben Probe wie die beiden anderen Auszüge:

Transkriptausschnitt 3

In diesem Beispiel macht der Dirigent durch den Ausdruck vous faites (ihr macht) in Z. 38 klar, dass in dem, was nun folgen wird, die soeben gespielte Version der Musiker/innen nachgeahmt bzw. nachgesungen wird. In Z. 39 hingegen trägt der Dirigent seine bevorzugte Version derselben Stelle vor, eingeleitet durch den hedge (eine Art Abmilderung) c’est possible de essayer une fois (ist es möglich, einmal zu probieren). Er verwendet teils dieselben, teils unterschiedliche Silben zum Singen. Dadurch drückt er implizit auch aus, dass das, was die Musiker/innen soeben dargeboten haben, nicht grundsätzlich falsch war, sondern dass es einfach nur verbesserungsfähig ist und noch besser klingen kann.

Auf diesen Kontrast reagiert sodann der Konzertmeister des Orchesters (nicht im Transkriptauszug), indem er eine Version darbietet, die seiner Ansicht nach der des Dirigenten am nächsten kommt. Im Folgenden kommt es zu einer verbalen Aushandlung zwischen Konzertmeister und Dirigent, wie die Stelle nun am besten gespielt werden soll, da sie u.a. auch mit der Bogenführung für die Streichinstrumente zusammenhängt. Mit der Aufforderung des Dirigenten an das gesamte Orchester, die Stelle mit der vorgeschlagenen Bogenführung des Konzertmeisters zu spielen, kommt die Diskussion zu einem Abschluss. Hier reagiert also ein einzelner Musiker, nämlich der Konzertmeister, auf das Vorsingen des Dirigenten. Solche Einzelreaktionen kommen äußerst selten vor, vor allem in den Proben des Orchestre de Rouen. Vielmehr sind es alle Musiker/innen gemeinsam, die als Kollektiv musikalisch auf die Anweisungen, Korrekturen und Erklärungen der Dirigierenden antworten. So imitieren bzw. ahmen sie den/die Dirigierende/n auch in einer gewissen Art und Weise nach, sie legen also ihre Schicht auf die Schicht des/der Dirigent/in. Diese sog. Schichtüberlagerung setzt sich so lange fort, bis die Stelle in den Ohren des/der Dirigierenden akzeptabel und interpretationsmäßig korrekt erklingt.

Warum singen Dirigierende also in Orchesterproben? Sie singen, weil das Singen für sie eine Art Ersatzhandlung für das Spielen eines Instruments darbietet und sie so am besten ihre musikalischen Ideen den Musiker/innen näher bringen können. Teilweise fehlen den Dirigent/innen auch die sprachlichen Kompetenzen, um das, was sie gerne hören möchten, in Worte zu fassen, deshalb kommt ihnen das Singen genau zu Gute und kann schon fast als eigene Sprache in der Orchesterprobe bezeichnet werden…ganz im Sinne von tadadadi da dam pam pam…

mm

Mannheim 2.0

Mannheim, die zweite. Von Donnerstag bis heute war ich ein weiteres Mal in Mannheim, der Quadratestadt. Die Baustellen von meinem letzten Aufenthalt waren immer noch in Arbeit, und auch das Wetter glich jenem vom letzten Jahr im Mai: grau in grau, Regen und dicke Wolken. Trotzdem war mein Aufenthalt in Mannheim sehr interessant, spannend und aufschlussreich, und gleichzeitig auch ein wenig erholsam… 🙂 Hier im Folgenden nun mehr dazu…

Am gestrigen Freitag, 23. März, stand mein Vortrag gemeinsam mit Anna W. aus Halle auf der 21. AGF (=Arbeitstagung für Gesprächsforschung) an. Unser Vortrag konzentrierte sich auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich Instruktionen und Korrekturen in Theater- und Orchesterproben. Wir wählten als Thema Instruktionen und Korrekturen aus, da diese Art von Handlungen zentral im Probengeschehen sind. Die gesamte Probe läuft nämlich so ab, dass sich Anweisungen der Regie oder des Dirigenten (im Folgenden spreche ich vom Dirigenten, da im Videobeispiel, das ich auf der Tagung präsentiert habe, Antony Hermus als Dirigent auftritt) mit Spielangeboten der Schauspieler/innen bzw. Musiker/innen abwechseln. Dieselbe Stelle kann im Anschluss auch ein weiteres Mal (oder auch mehrere Male) korrigiert werden, bevor der Fokus auf eine andere Stelle – die nach Ansicht der Regie oder des Dirigenten korrekturbedürftig ist – gelegt wird.

Sowohl Regisseur/in als auch Dirigent/in haben während der Probe eine Autoritätsrolle inne, denn sie können die Probe an jeder erdenklichen Stelle unterbrechen, um Anweisungen zu geben. Somit gibt es – im Sinne der Konversationsanalyse – keine transition relevant places bzw. redeübergaberelevante Stellen bzw. können diese auch überall sein. In einem Alltagsgespräch hingegen geben sich die Beteiligten klare Zeichen, wann der Wechsel von einem turn oder Redebeitrag zu einem anderen erfolgen kann. In Proben zeigt die Regie oder der Dirigierende durch body oder verbal cues an, dass das Spiel oder die Musik aufhören soll und es zu einer Unterbrechung kommt.

In diesen Unterbrechungen tauchen sowohl verbale, als auch multimodale Praktiken auf, um Instruktionen und Korrekturen zu geben. Sie können sich auf technische Aspekte beziehen, wie z.B. Gänge, Blicke, Körperlichkeit, bereits erarbeitete Handlungen usw. im Theater, oder Anweisungen zum Tempo, zum Zusammenspiel oder zur Intonation im Orchester. Stärker vorhanden sind in der Orchesterprobe jedoch Anweisungen, die auf die Interpretation des Stücks ausgerichtet sind: die Spielweise, dynamische Hervorhebungen, oder die Hinführung zu neuen musikalischen Themen.

Anna W. und ich haben festgestellt, dass sich vor allem hinsichtlich der verbalen Praktiken mehrere Gemeinsamkeiten zwischen Theater- und Orchesterprobe ergeben. Sowohl im Theater als auch im Orchester arbeiten Regie und Dirigent mit Erklärungen, Rechtfertigungen, Wiederholungen, Metaphern, Vergleichen, Kontrasten, indirekten Fragen, usw. Wo sich hingegen Unterschiede zeigen, das sind die multimodalen Praktiken. Während im Theater die Regie mehr vormacht, singt im Orchester der Dirigent mehr vor. Das Vorsingen kann dabei zwei unterschiedliche Funktionen haben: zum einen kann es dazu dienen, eine bestimmte Stelle zu lokalisieren, zum anderen kann der Dirigent durch das Vorsingen angezeigt werden, wie – oder wie auch nicht – eine Stelle im Stück gespielt werden soll. In einer Datensitzung am 4. April an der Uni Innsbruck werde ich das Vorsingen der Dirigierenden in meinem Corpus zur Diskussion stellen. Dabei werde ich mit anderen Forscher/innen untersuchen, welche weiteren Funktionen das Vorsingen in der Orchesterprobe haben kann, an welchen Stellen die Praktik des Vorsingens eingesetzt wird und wie die Musiker/innen auf das Singen reagieren. Die Ergebnisse dieser Datensitzung werde ich dann sicherlich hier auf meinem Blog noch darlegen… Deshalb möchte ich auch an dieser Stelle nicht weiter auf das Singen eingehen… 🙂

Was haben Anna und ich noch festgestellt bzw. erarbeitet? Wir haben eine für uns brauchbare Definition von Instruktionen erarbeitet, nämlich können Instruktionen unserer Ansicht nach als Durchführungsanweisungen der gewünschten Umsetzung bezeichnet werden. Instruktionen haben eine Art Doppelfunktion: sie können inhaltlich orientiert sein und beschreiben, wie – oder wie auch nicht – eine Stelle gespielt werden soll, oder interaktionsorganisatorisch verankert sein und bestimmen, was als Nächstes geschehen soll. Außerdem können Instruktionen in Proben nicht nur in Unterbrechungen vorkommen, sondern auch im Spiel bzw. während der Musik, wobei sie in letzterem Fall nur noch als verkürzte Versionen der bereits vorher ausführlich explizierten Anweisung in der Unterbrechung auftauchen.

Diesen Unterschied zwischen Instruktionen in Unterbrechungen und Instruktionen im Spiel habe ich auch bereits in der letzten Datensitzung in Innsbruck im Februar mit den dort Anwesenden diskutiert. Da in diesem Beitrag leider kein Platz mehr für einen Bericht darüber ist, werde ich einen meiner weiteren Beträge diesem Thema widmen…

Soviel zum Vortrag in Mannheim…es gäbe noch mehr zu erzählen, aber ich möchte die Leser/innen dieses Blogs nicht überstrapazieren… 🙂

Ansonsten habe ich – wie bereits erwähnt – meine zwei Tage in Mannheim genossen: Ich bin ein wenig durch die Stadt geschlendert, habe mir mit Anna und noch zwei Forschungskollegen ein Mittagessen beim Afghanen schmecken lassen und dabei neue Pläne/Projekte geschmiedet, und natürlich durfte ein Abstecher im Café Binokel nicht fehlen, wo man echt einen guten Kaffee trinkt ;-). Und nun sitze ich schon wieder im Zug Richtung Heimat, wo am Montag wieder der Alltag auf mich wartet… 🙂

mm

„Nous continuons avec…“

…ja, es geht weiter…und zwar das Arbeiten an meiner Dissertation, das Verfassen von Artikeln, das Planen von Datensitzungen, sowie das Vorbereiten von Präsentationen für Tagungen. Ich möchte in diesem Blogbeitrag einen kurzen Überblick darüber geben, was zurzeit an Arbeit ansteht, welche Projekte am Laufen sind und wie es in den kommenden Monaten weitergehen wird…

Zunächst das Aktuellste: nämlich bin ich gerade auf dem Weg zu einer Datensitzung in Innsbruck, die gemeinsam mit zwei Kolleginnen, die ebenfalls konversationsanalytisch mit Videodaten arbeiten, stattfinden wird. Außerdem werden noch zwei Studentinnen anwesend sein, die im Zuge ihrer Diplomarbeit einen Teil an Daten einer Kollegin untersuchen. Es wird um Spiele im Französischunterricht an österreichischen Gymnasien gehen, um chinesisch-deutsche Sprachtandems und – natürlich – um Orchesterproben.

Ich habe mir als Thema Instruktionen und Korrekturen ausgesucht und möchte mir gerne in der Datensitzung ansehen bzw. mit den anderen diskutieren, ob und wie sich Instruktionen und Korrekturen, die der/die Dirigierende nach einer Unterbrechung der Musik gibt, von solchen unterscheiden, die er/sie simultan zur Musik gibt. Das Beispiel, das ich hierfür ausgewählt habe, stammt aus einer Probe des Orchestre de Rouen mit dem Dirigenten Antony Hermus. Dieses Beispiel soll u.a. auch veranschaulichen, welche große Rolle multimodale Ressourcen im Geben von Anweisungen spielen und wie sie die Musik beeinflussen. Um die Musik besser nachverfolgen zu können, werden wir in der Datensitzung auch die Partitur vor uns liegen haben. Ich bin gespannt, ob meine Kolleginnen und die Studentinnen Unterschiede im Spielen der Musiker/innen – vor und nach den Anweisungen des Dirigenten – erkennen können. Soweit ich weiß, wird unter den Anwesenden niemand mit dabei sein, die – so wie ich – ein Musikkonservatorium besuchen. Darum wird es umso spannender sein zu sehen, ob sie dasselbe in der Musik hören wie ich, oder ob unsere Meinungen eher auseinander gehen… Ich werde auf jeden Fall in einem kommenden Beitrag hier auf meinem Blog darüber berichten… 🙂

Dasselbe Videobeispiel, das heute unter die Lupe genommen wird, werde ich auch im März auf der 21. AGF (=Arbeitstagung zur Gesprächsforschung) am IDS in Mannheim präsentieren. Die Tagung steht unter dem Motto „Vergleichende Gesprächsforschung“, deshalb werde ich gemeinsam mit einer Kollegin aus Halle, die die Interaktion in Theaterproben erforscht, einen Vortrag halten. In unserem Vortrag werden wir Vergleiche zwischen Orchester- und Theaterproben anstellen und uns dabei vor allem auf das Thema der Instruktionen konzentrieren. Die Ergebnisse aus der heutigen Datensitzung möchte ich mit in meine Präsentation einfließen lassen und zur Diskussion stellen. Es wird bereits das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit sein (siehe auch meinen Beitrag Instruktionsketten, Baustellen und Quadrate in Mannheim), dass ich in Mannheim bin; umso mehr freue ich mich auf die Stadt und die bereits bekannten Gesichter. Auch über Mannheim und die anstehende Tagung werde ich noch ausführlicher berichten…

Nicht zuletzt laufen auch das eigentliche Schreiben an meiner Diss sowie das Ausarbeiten von Artikeln weiter. Ich sitze zurzeit an einem Artikel zum multimodalen Erzählen in der Orchesterprobe und analysiere zwei Beispiele, in denen inmitten von Anweisungen der Dirigierenden narrative Sequenzen vorkommen. Es ist sehr spannend zu beobachten, wie es zu diesen kurzen narrativen Einheiten kommt und welche (interaktive) Rolle auch die Musiker/innen als Rezipient/innen der Geschichten spielen. Ich hoffe, dass der Artikel das OK für eine Publikation erhält und ich dadurch einen Beitrag zur Erforschung von multimodalen Erzählstrukturen leisten kann…

…und das Wichtigste zum Schluss :-): in meiner Diss bin ich (immer noch) mit dem Thema Mehrsprachigkeit beschäftigt. Es handelt sich um ein sehr komplexes Thema, da in der Orchesterprobe ja Akteure mit den unterschiedlichsten sprachlichen Hintergründen zusammen kommen und vorne ein Dirigent/eine Dirigentin steht, der/die meist eben nicht dieselbe Muttersprache hat wie die (jedenfalls dominierende) Arbeitssprache des Orchesters, mit dem er/sie zusammenarbeitet. In dieser Hinsicht muss ich noch ein bisschen kopfen und noch genauer hinschauen, aber zumindest wird mir sicherlich nicht langweilig in nächster Zeit… 😉

mm

So, just la régularité del tempo, eh?

Draußen: Schnee. Drinnen: Mehrsprachigkeit. Als Teil II meines letzten Blogbeitrags, in dem ich ausgehend des Transkripts einer Probe des Orchestre de Paris Überlegungen zur Basissprache (oder auch base code) angestellt habe, die aber nicht immer leicht auszumachen ist. Denn der Großteil der Orchesterproben, die Teil meines Corpus sind, läuft mehrsprachig ab, wobei auch häufig zwischen unterschiedlichen Sprachen hin und her gewechselt wird.

Es stellen sich dahingehend gleich mehrere Fragen:

  • Ab wann bzw. ab welchem Prozentsatz kann man in der Orchesterinteraktion von einer Basissprache sprechen?
  • Welche Sprache setzt sich als Basissprache durch (z.B. die Arbeitssprache des Orchesters – im Orchestre de Paris wäre das Französisch, Italienisch als Fachsprache der Musik, Englisch als Lingua Franca, usw.)
  • Und falls es einen base code gibt, welche Teile der Interaktion laufen in der Basissprache ab?

Auf diese Fragen möchte ich in diesem Beitrag antworten. Dazu noch einmal das Transkript der Probe des Orchestre de Paris, von dem ausgehend ich meine Analyse durchführen werde:

Transkript Noseda

Zählt man in diesem Beispiel die Anzahl an französischen, italienischen und englischen Wörtern, so erhält man folgendes Ergebnis: 47 französische Wörter, 17 italienische Wörter (ohne die Verzögerungspartikel eh) und 2 englische Wörter. Prozentual betrachtet, setzt sich Französisch mit 71% klar gegenüber Italienisch mit 26% und Englisch mit 3% durch.

Diese Übermacht der französischen Sprache wird in dem Transkriptauszug zusätzlich durch die Kennzeichnung der Sprachen durch unterschiedliche Farben (rot für Französisch, grün für Italienisch, blau für Englisch) klar ersichtlich. Es kann hier also die französische Sprache, die auch zugleich Arbeitssprache des Orchesters ist, erkenntlich als base code ausgemacht werden.

In dem Beispiel fällt auf, dass der Dirigent bis zum Abbruch der Musik auf Italienisch spricht. Solange die Musiker/innen Musik machen, gibt er simultane Anweisungen (senza diminuendo, subito) auf Italienisch. Außerdem evaluiert er das Spielen der Musiker/innen in Z.03 mit dem italienischen Ausdruck bene, der hier zusätzlich noch Nachdruck verleiht – gemeinsam mit der abwinkenden Geste -, dass nun alle aufhören sollen zu spielen, da eine Erläuterung zur gerade gespielten Stelle folgen wird.

In Z.05 wechselt der Dirigent, nach einem kurzen Blättern in und Blick auf die Partitur, auf Französisch und versucht dann auch in den folgenden Zeilen so gut es geht, die französische Sprache als base code beizubehalten. Hier fließen immer wieder italienische Wörter mit ein, wie z.B. tempo, ritenuto, semplicemente, la vita, quindi, si, vibrato, più piano. Während die Ausdrücke wie tempo, ritenuto, vibrato, più piano und im weitesten Sinne auch semplicemente als musikalisches Fachvokabular bezeichnet werden können, sind die Ausdrücke wie la vita und quindi als kurze Ausflüchte in das Italienische anzusehen, da der Dirigent hier mit seinen (begrenzten) Französisch-Kenntnissen nicht mehr auskommt.

Interessant ist, dass der Dirigierende seine Aussage aus Z.08 und 09 (le requiem c’est après la vita de les hommes) in Z.10 und 11 nochmals anhand von Gesten und Körperbewegungen wiederholt bzw. szenisch darstellt. Diese zweimalige Darbietung desselben Inhalts kann zur Verständnissicherung dienen; es kann angenommen werden, dass der Dirigent dadurch sicher stellen möchte, dass auch alle Musiker/innen verstehen, was er ihnen mitteilen möchte. Es kommen hier also noch zusätzliche multimodale Elemente mit ins Spiel, die eine verbale Aussage (requiem quand les hommes c’est) komplettieren bzw. zu Ende führen.

Um den Übergang zwischen szenischer Veranschaulichung und erneuter verbaler Erklärung zu markieren, benutzt der Dirigierende den italienischen Ausdruck quindi. Auch in Z.13 verwendet er das Adverb si als diskursives Signal, das zum einen das Vorausgehende zum Abschluss bringt und zum anderen Nachfolgendes einleitet. Dann folgt ein Satz, der einen weiteren Diskursmarker (so) enthält, dieses Mal aber auf Englisch, gefolgt von einem zweiten englischen Wort (just), das die darauffolgende Äußerung einleitet. Warum der Dirigent hier für zwei Wörter ins Englische wechselt, kann vielleicht damit erklärt werden, dass ihm in seinem Französisch-Wortschatz das Wort donc fehlt, das im Italienischen mit quindi und im Englischen mit so übersetzt werden kann. Dass der Dirigierende dann noch ein Wort auf Englisch äußert, kann mit der sog. Umschaltträgheit zu tun haben: das Umschalten von einer Sprache in eine andere bedeutet einen gewissen kognitiven Aufwand, der sich in diesem Fall für den Dirigenten höchstwahrscheinlich nicht lohnt.

Wohl aber ab dem nächsten Wort, für das der Dirigierende auf Französisch wechselt und dann den italienischen Fachausdruck tempo einschiebt. Dasselbe geschieht auch in Z.14 und 18, wo als Fachvokabular vibrato und e più piano mit ins Spiel kommen. Außerdem kann in Z.15 und 16 eine ähnliche multimodale Veranschaulichung wie in Z.10 und 11 ausgemacht werden, bei der der Dirigent zuvor Gesagtes nochmals durch Gestik, Mimik und Körpersprache illustriert, um sich das Verständnis der Musiker/innen zu sichern.

Wie man sieht, kann dem Mix und vermeintlichen Chaos an Sprachen in der Orchesterprobe doch ein bestimmtes Muster verliehen werden, wenn auch manchmal nicht ganz leicht. Durch die Analyse war es möglich, eine Basissprache als solche zu kennzeichnen, sie gegenüber weiteren Sprachen abzugrenzen und festzumachen, an welchen Stellen welche Sprache und warum benutzt wird.

Soviel zur Mehrsprachigkeit…mein nächster Beitrag wird sich mit einem anderen Thema beschäftigen, denn auch mir wird der Mix an Sprachen irgendwann zu bunt… 😉

mm   

Work in progress…

…oder: me and my laptop :-). Thema: Mehrsprachigkeit. Immer noch. Ja, denn das Thema Mehrsprachigkeit gestaltet sich als sehr komplex und vielschichtig. Und es gilt, dem wilden Chaos an unterschiedlichen Sprachen und Codes, die in einer Orchesterprobe für die Kommunikation genutzt werden, eine Struktur zu geben oder es zumindest zu versuchen…

Dazu zuerst ein kurzer Transkriptausschnitt aus einer Probe des Orchestre de Paris mit dem italienischen Dirigenten Gianandrea Noseda:

Transkript Noseda

Was fällt hier hinsichtlich Sprachverwendung auf? Zunächst muss festgehalten werden, dass die Muttersprache des Dirigenten Italienisch ist. Gleichzeitig ist Italienisch auch die Sprache der Musik, d.h. jene Sprache, in der die musikalischen Fachtermini verankert sind. In unserem Beispiel bzw. Transkript sind das Begriffe wie diminuendo, ritenuto, vibrato oder piano. Außerdem gilt es zu bedenken, dass es sich um ein französisches Orchester mit Standort in Paris handelt, mit dem Gianandrea Noseda als Gastdirigent während einer Woche zusammenarbeitet und ein Konzert vorbereitet.

Es kann also angenommen werden, dass die Arbeitssprache des Orchesters grundsätzlich Französisch ist – sei es in Proben als auch für die Administration – und dass Italienisch einen speziellen Status in der Probenkommunikation inne hat, da es als Fachsprache gehandelt wird. Für den Dirigenten hingegen gestaltet sich die Sprachsituation genau umgekehrt, denn Italienisch ist seine Muttersprache und Französisch eine Fremdsprache. Deshalb nimmt in seinem sprachlichen Repertoire* die französische Sprache eine spezielle Rolle ein.

Last but not least spielen auch die sprachlichen Repertoires der Musiker/innen mit eine Rolle, denn ein (französisches) Orchester kann sich aus Musiker/innen zusammensetzen, die aus verschiedenen Ländern stammen und unterschiedliche Muttersprachen haben. Bei den meisten Musiker/innen wird also auch Italienisch einen speziellen Status in ihrem Repertoire inne haben, nämlich als Sprache, die sie vielleicht erst im Laufe ihrer musikalischen Ausbildung gelernt haben.

Das Thema Mehrsprachigkeit sowie die Frage nach der Sprachverwendung in der Orchesterprobe müssen also immer in Relation zu den sprachlichen Hintergründen der Beteiligten betrachtet werden. Vor diesem Hintergrund wird es auch möglich, eine Art Basissprache auszumachen. In unserem Beispiel kann Französisch als Base Code bezeichnet werden, wenn auch als sehr fragile Basis: Der Dirigent bemüht sich Französisch zu sprechen, er fällt aber immer wieder auf italienische oder englische Ausdrücke zurück. Hier kann noch darüber diskutiert werden, ob nicht auch Italienisch als Basissprache gehandelt werden kann, da Italienisch als Fachsprache unweigerlich in einer Orchesterprobe vorkommen muss. Englisch wiederum hat speziellen Status, die Sprache fungiert als Lingua Franca, auf die zurückgegriffen werden kann und auch wird.

Die drei Sprachen können also getrennt voneinander betrachtet werden, oder auch als Bündel, in dem sie alle gemeinsam einen Base Code bilden: Französisch stellt dabei den zentralen Strang dar, Italienisch und Englisch fließen nebenher immer mit.

Soviel zu meinen Überlegungen zu Mehrsprachigkeit, Sprachverwendung und Basissprache. In meinem nächsten Beitrag möchte ich nochmals auf das obige Transkript eingehen und in einer Analyse detaillierter auslegen. Dabei möchte ich mir vor allem die Stellen ansehen, an denen der Dirigierende in eine andere Sprache wechselt, und mögliche Gründe bzw. Hypothesen zu diesen Gründen anstellen.

Denn nur so kann dem wilden Mix an Sprachen und Codes eine annähernd akzeptable Struktur verliehen werden…

mm

 

*Ein sprachliches Repertoire umfasst alle Sprachen – aber auch Dialekte, Stile, Register, Codes und Routinen – über die ein Sprecher/eine Sprecherin verfügt.

Time is passing…

…and it’s time for a new blog…ja, es wird wieder Zeit, meinem Schreibdrang ein wenig freien Lauf zu lassen…und zwar möchte ich ein wenig über die Erkenntnisse während und nach der Tagung in Basel (siehe dazu auch meinen vorigen Blogbeitrag: Working Update in Basel) berichten, sowie darüber informieren, was in nächster Zeit anstehen wird.

Die Tagung an der Universität Basel war sehr groß angelegt, es gab unterschiedliche Sektionen, die sich alle mit anderen Themen auseinander setzten, ich schaffte es aber nur an den Vorträgen meiner Sektion, nämlich Gesprächsforschung, mit dem Thema „Wissen im Gespräch“ teilzunehmen. Ich fand die Vorträge sehr interessant, vor allem dahingehend, welche unterschiedlichen Zugänge zur Erforschung von Wissen im Gespräch gewählt werden können. Außerdem stoße ich im Laufe solcher Tagungen auch immer wieder auf neue Literatur, die für meine Arbeit relevant sein könnte. Schade war nur, dass mein Vortrag am zweiten und letzten Tag des Treffens am Nachmittag stattfand und ich mich nicht mehr über ein allzu großes Publikum freuen durfte…

Nichtsdestotrotz gibt es doch einige Gedanken, die ich aus der anschließenden Diskussion an meine Präsentation mitnehmen konnte und hier nun ausführen möchte. In meinem Vortrag habe ich von common ground, d.h. von gemeinsam geteiltem Wissen zwischen Dirigent/in und Musiker/innen gesprochen und hier zum einen das Vorwissen zum Werk auf beiden Seiten eingeordnet, zum anderen aber auch die Partitur bzw. die Noten selbst als solches gehandelt. Nun bin ich mit dieser Annahme aber nicht mehr hundertprozentig einverstanden, denn Wissen ist ja nicht greifbar, so wie eine Partitur oder die Noten der Musiker/innen. Der/die Komponist/in hat durch das Skriptum eine Basis geschaffen, auf der aufbauend Wissen hergestellt und vermittelt werden kann, die aber nicht ihrerseits als Wissen bezeichnet werden kann. Hier spielt außerdem noch die Idee der Interpretation des/der Dirigierenden eine Rolle, denn jede/r Dirigent/in hat eine andere Vorstellung dessen, wie ein Werk gespielt oder nicht gespielt werden sollte.

Ich hoffe, dass meine Gedanken nachvollziehbar sind, ansonsten freue ich mich auch über den einen oder anderen Kommentar oder eventuelle Nachfragen :-).

Ein weiterer Punkt, der mich beschäftigt, ist die Asymmetrie in Bezug auf Wissen, die in einer Orchesterprobe vorherrschen kann. Ich bin bis dato davon ausgegangen, dass – wenn es eine Asymmetrie geben sollte – mehr Gewicht bei dem/der Dirigierenden liegt. Jedoch kann es auch durchaus sein, dass die Musiker/innen über mehr Wissen zum Werk verfügen, da sie es bereits öfters gespielt haben als es der/die Dirigent/in dirigiert hat? Ja, das kann wirklich so sein, aber es gilt zu bedenken, dass während der Probe der/die Dirigierende die Zügel in der Hand hat und er/sie die oben erwähnte eigene, individuelle Vorstellung des Stücks an die Musiker/innen zu vermitteln versucht. Es können demnach zwei unterschiedliche Asymmetrien aufeinander treffen, die in Einklang gebracht werden müssen – eine komplexe Angelegenheit.

Soviel zu den Gedanken, die zurzeit – gemeinsam mit anderen Ideen – in meinem Kopf umherschwirren. Aber… what’s next? Als nächstes steht Ende Oktober eine weitere Präsentation zum Thema „Mehrsprachigkeit“ an der Uni Innsbruck an, Anfang November wird es die zweite Auflage des Workshops zu Instruktionen in Proben geben, ebenfalls in Innsbruck. Weitere Termine für Tagungen sind zurzeit noch keine geplant, stehen aber in Aussicht. Ansonsten gilt es am Ball zu bleiben und die Zeit zu nutzen, nicht nur an der Diss, sondern auch an dem ein oder anderen Artikel zu arbeiten. Denn: time is passing… und das schneller, als man zusehen kann…

mm