Einmal Applaus bitte!

Und zwar nicht für ein Orchester oder einen Dirigenten/eine Dirigentin, nein, der Applaus soll mir selbst gebühren. Denn ich habe es geschafft, ein gutes Drittel meiner Dissertation FERTIG ZU STELLEN!! 🙂 Kaum zu glauben, dass ich zum ersten Mal, seit ich an meiner Diss arbeite, einen Abschluss von etwas zu verzeichnen habe. Ich muss aber dazu sagen, dass eventuell noch einige Dinge in diesem Teil zu korrigieren oder abzuändern sind, doch das werden dann (hoffentlich!) nur noch Kleinigkeiten sein…

Ich habe das Kapitel zum Umgang mit Mehrsprachigkeit in Orchesterproben fertig geschrieben. Es gibt einen Theorieteil, einen empirischen Teil mit Analysen, sowie eine abschließende Zusammenfassung. Insgesamt ergibt das ein bisschen mehr als 100 Seiten. Die nächsten 100 Seiten sind nun für den Schwerpunkt Instruktionen und Multimodalität reserviert. Dann fehlt noch die Einleitung, die Corpus- und Methodenbeschreibung, sowie der Schluss. Klingt noch nach einigem an Arbeit, doch ich bin zuversichtlich, dass ich meine Dissertation das nächste Jahr ganz fertig haben werde und einreichen kann… 🙂

Und wer nun auf den Geschmack gekommen ist, etwas von mir zu lesen, der darf sich auf Juni freuen, denn dann wird ein Artikel von mir erscheinen, in dem ich das Thema Mehrsprachigkeit in Orchesterproben behandle – in einem Vergleich zur Handhabung mit Mehrsprachigkeit in Fußballmannschaften.

Außerdem wird es hoffentlich auch noch dieses Jahr, aller Wahrscheinlichkeit nach im Herbst, einen Artikel zum Vorsingen von mir in der Online Zeitschrift GO (hier verlinkt, dort gibt es auch anderen interessanten Lesestoff) geben, im Rahmen einer Schwerpunktausgabe zum Thema Instruktionen in Theater- und Orchesterproben. An dem Artikel arbeite ich nun schon seit Sommer/Herbst 2018. Ich und meine drei Kollegen/innen, die ebenfalls Artikel zum Themenschwerpunkt verfassen, sind nun in der Endphase, mit einer letzten Besprechung im Juni in Mannheim sollten die Beiträge zu einem Abschluss kommen.

Daneben gibt es noch einige weitere Publikationsprojekte, die ich gerne in nächster Zeit verwirklichen möchte. Eines wird sicherlich mit Multimodalität zu tun haben und erfassen, inwieweit das Sprechen über Musik möglich ist und ab welchem Punkt andere, zusätzliche bedeutungstragende Ressourcen mit ins Spiel kommen. Dieses Thema habe ich gestern – gemeinsam mit anderen Forschern/innen, die ebenfalls konversationsanalytisch arbeiten – bei einer Datensitzung in Innsbruck aufgegriffen und konnte einige interessante und anregende Ideen mitnehmen. Zu den anderen Projekten möchte ich noch nichts verraten – auf diese Weise bleibt es ein bisschen spannend… 😉

STAY TUNED!

mm

1 Woche, 2 Tagungen, 1600 km, 20 Stunden Zugfahrt – and a lot of impressions!

Ja, genau so wie es im Titel geschrieben steht, hat es sich auch angefühlt. Puh! Aber es hat sich gelohnt, denn ich bin nun mit neuen Ideen und Eindrücken wieder zurück an meinem Schreibtisch an der Uni Salzburg.

Fangen wir von vorne an… Ich bin am Montag, 18. März von Pfalzen nach Innsbruck losgestartet und habe mich dort im Haus Marillac einquartiert. Das Haus liegt ein bisschen außerhalb des Innenstadttrubels an der Mühlauer Brücke und bietet Zimmer mit Frühstück für einen akzeptablen Preis. Am Nachmittag ging es dann auch schon mit dem Forum Junge Romanistik los. Ich habe mir die Vorträge zu Phraseologie und Sprachbewusstsein angehört und mich dann auch noch von der spanischen Varietätenlinguistik berieseln lassen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, welche Themen erforscht werden (können) und welche Methoden dafür angewandt werden. Das tut auch für die eigene Forschung gut, wenn man den Horizont erweitern kann und über den eigenen Tellerrand ein wenig hinausschaut.54728875_645087269247256_3253369011538231296_n

Am Abend ging es dann weiter mit einem Get Together im Stiftskeller in der Innsbrucker Altstadt. Ich habe dort nicht nur gut gegessen und ein kühles Bier getrunken, sondern auch neue Kontakte geknüpft, unter anderem zu Forschern/innen, die in ähnlichen Feldern wie ich forschen, wie beispielsweise in der Chorprobe.01e308ba-e0ed-4037-9d1d-e963ead7d656

Und am nächsten Morgen war ich auch schon an der Reihe mit meinem Vortrag zur Mehrsprachigkeit in Orchesterproben. Ich habe zuerst in das Setting Orchesterprobe eingeleitet und erklärt, wie es sich mit den unterschiedlichen sprachlichen Repertoires der Dirigierenden und Musizierenden verhält, die dort aufeinander treffen. Im Anschluss daran habe ich Videoausschnitte präsentiert und diese dann einer Analyse mit Fokus auf Mehrsprachigkeit unterzogen. Als Fazit kam dabei heraus, dass sehr viel zwischen verschiedenen Sprachen und Codes (wie Gestik, Gesang und Körperbewegungen) gewechselt wird und dass sowohl Gesten als auch das Singen der Dirigierenden als eigene Codes in der Polyphonie der Sprachmischung bezeichnet werden können.54516252_645695442519772_8264678621344432128_n

Ich denke und hoffe, dass meine Präsentation gut angekommen ist. Ich habe im Anschluss durchwegs positive Rückmeldungen erhalten und noch weitere interessierte Nachfragen zu meinem Thema. Und am meisten gefreut hat mich, dass sich zwei meiner ehemaligen Professoren/innen an der Uni Innsbruck meinen Vortrag angehört haben! 🙂

Auch am zweiten Abend war ein gemütliches Beisammensein geplant, dieses Mal in der Claudiana in der Altstadt mit Tapas und Unterhaltung mit dem Kabarettisten Markus Koschuh. Er hat in seinem einstündigen Programm ein ganz neues Licht auf die Uni, Forschung und Wissenschaft geworfen, mit dem ein oder anderen Schmäh – Lachen garantiert!

Am Mittwoch hieß es dann bereits Abschied nehmen von Innsbruck und Weiterfahren nach Bielefeld im Nordwesten Deutschlands. Nach acht Stunden Zugfahrt kam ich am Abend im Comfort Garni Hotel in Bielefeld an und fiel nur noch todmüde ins Bett. Den Donnerstag Vormittag nutzte ich noch für die letzten Überarbeitungen an meiner Präsentation und machte mich dann mit der Stadtbahn auf den Weg zu Bielefelds Fachhochschule.

IMG_2391Ich kam gerade rechtzeitig zum Mittagessen (es gab eine unfassbar gute Tomatensuppe!! 🙂 ) und hörte mir vor meiner Präsentation noch einen Keynote-Vortrag an, der mich aber nicht wirklich vom Hocker haute, da der Professor eine ganze geschlagene Stunde nur von seinem Skript abgelesen hat. 😦 Und dann kam ich dran und habe zum ersten Mal auf Englisch meine Daten präsentiert. Da bei der ICMME Tagung die Mehrsprachigkeit im Mittelpunkt stand, habe ich dieselben Videobeispiele wie in Innsbruck verwendet und nur einige Kleinigkeiten abgeändert. Schade war, dass mein Vortrag nicht sonderlich gut besucht war, da ich noch ein eher unbeschriebenes Blatt in der Mehrsprachigkeitsforschung bin und die Tagungsteilnehmer/innen wohl an solchen Vorträgen teilgenommen haben, die von bereits bekannten Forschern/innen im Feld der Mehrsprachigkeit gehalten wurden.

Am Abend hätte es noch ein Conference Dinner gegeben, an dem ich aber nicht mehr teilnahm, da ich einfach zu müde war. Zwei Vorträge in einer Woche und viele Stunden Zugfahrt haben an meinen Energiereserven gezehrt und ich habe es vorgezogen, mich in meinem Hotelzimmer bei einer amüsanten, von Zickenkrieg durchzogenen Folge Germany’s Next Topmodel auszuruhen.

Und am Freitag bin ich dann auch schon wieder nach Hause gefahren. Wenn die Deutsche Bahn keine Faxen gemacht hätte, dann hätte ich es wohl in 7 anstatt 10 Stunden geschafft, aber „aufgrund einer technischen Störung“ war mir eine kurzatmigere Zugfahrt leider nicht vergönnt.

Alles in allem war es die Reise wert, und zwar nicht nur, weil ich meine Daten und mein Thema einem neuen Publikum präsentieren durfte, sondern auch, weil ich neue Bekanntschaften gemacht habe und mich mit Forschern/innen ausgetauscht habe, die ähnliche Interessen wie ich verfolgen und mit denen ich auch in Zukunft eine Zusammenarbeit anstrebe. Also: stay tuned! 😉

mm

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Next stops: Innsbruck und Bielefeld

Auf dem Titelblatt zu diesem Beitrag ist es vielleicht nicht wirklich gut zu erkennen, aber ich bin gerade dabei, zwei Tagungen vorzubereiten und Reisekostenzuschüsse dafür zu beantragen. Denn im März geht es für mich gleich auf zwei Tagungen, nämlich zum Forum Junge Romanistik in Innsbruck und zur International Conference on Multilingualism & Multilingual Communication in Bielefeld.

Auf beiden Tagungen werde ich eine Präsentation zur gelebten Mehrsprachigkeit in Orchesterproben halten. Ich beschäftige mich zur Zeit sehr stark mit diesem Thema, ich bin mitten in der Analysephase von ausgewählten Beispielen, von denen ich einige auf den Tagungen vorstellen werde.

Interessant zu beobachten ist in manchen der Beispiele das sog. participant related Codeswitching. Ein participant related Codeswitching vollzieht sich, wenn der Sprachwechsel an den Kompetenzen und Präferenzen der Interaktionsbeteiligten orientiert ist. So kommt es z.B. in einer Probe des Orchestre de Paris vor, dass der Dirigent mit einem Fagottisten in einem kurzen Austausch über die Spielweise einer bestimmten Stelle nicht die Arbeitssprache Französisch verwendet, sondern dafür auf Italienisch wechselt. Es kann angenommen werden, dass der Dirigent den Fagottisten kennt und weiß, dass eine seiner präferierten Sprachen (wenn nicht sogar Erstsprache) Italienisch ist.

Ein solcher Sprachwechsel ist also stark an das Wissen und die Annahmen des Dirigenten über die Sprachkompetenzen der Musiker/innen gebunden. Außerdem verändert sich das Teilnehmer/innen-Format: Es findet ein kurzzeitiger Wechsel von der vorherrschenden one-face-to-many-faces Interaktion in eine one-face-to-one-face Interaktion statt. Im Anschluss an den Austausch mit dem Fagottisten wendet sich der Dirigent wieder an das gesamte Orchester und spricht auf Französisch weiter.

Solche und ähnliche Ausprägungen von Mehrsprachigkeit werde ich in meine Präsentationen auf den Tagungen einbauen und im Anschluss zur Diskussion stellen. Ich erhoffe mir, dass ich einige interessante Inputs und konstruktive Feedbacks erhalte, die ich in meiner Analyse zur Mehrsprachigkeit einbauen kann.

Und hier endet heute auch schon mein Beitrag! Denn ich möchte nicht zuviel vorwegnehmen, sondern gerne nach den Tagungen genauer darüber berichten, wie meine Präsentationen gelaufen und beim Publikum angekommen sind und was ich für die Arbeit an meiner Dissertation mitgenommen habe. Also: stay tuned! 🙂

mm

Ich als Dirigentin

Am vergangenen Wochenende hatte ich die Möglichkeit, mich selbst als Dirigentin in einer Probe auszuprobieren. Die Probe fand mit Klarinetten und Saxophonen in einer Musikkapelle statt, bei der ich selbst bereits als Klarinettistin mitgewirkt habe. Ich habe also dieses Mal meinen Platz von hinten nach vorne gewechselt und die Probe aus dem Blickwinkel einer Kapellmeisterin bzw. Dirigentin heraus wahrgenommen. In diesem Blogbeitrag möchte ich berichten, wie es mir dabei ergangen ist und wie sich das Wissen, das ich als Forscherin über die Interaktion in (Orchester)Proben habe, dabei geäußert hat.

Zunächst muss ich festhalten, dass ich eigentlich kein Fan davon bin, mich als Dirigentin vorne hinzustellen und anderen zu sagen, wie sie zu spielen haben, sondern ich fühle mich wohler in der Rolle als Musikerin. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich Gefallen daran fand, meine Ideen und Interpretationen des jeweiligen Stücks den an der Probe beteiligten Musiker/innen mitzuteilen.

Dabei habe ich versucht, mit Kontrastpaaren zu arbeiten, so wie es auch die Dirigent/inn/en im Corpus zu meiner Dissertation machen. Nämlich habe ich meine präferierte und nicht präferierte Version einer bestimmten Stelle im Stück gegenübergestellt, um so den Unterschied zu verdeutlichen und näher an die bevorzugte Spielweise heranzukommen. Anders als die Dirigent/inn/en in meinem Corpus habe ich die beiden Versionen aber nicht vorgesungen, sondern mit meiner Klarinette, die ich dabei hatte, vorgespielt.

Außerdem habe ich sowohl verbal als auch body cues eingesetzt, um die Musik zu unterbrechen oder auch um sie wieder neu aufzunehmen. Um die Musik zu unterbrechen, habe ich verbal die Ausdrücke „ok“ und „stop“ eingesetzt, und gleichzeitig gestisch eine abwinkende Bewegung mit meiner rechten Hand gemacht. Um den Musiker/inn/en ein Zeichen dafür zu geben, dass sie nun wieder weiterspielen können, habe ich eingezählt und dabei gleichzeitig entweder geschnipst oder geklatscht.

Es lässt sich beobachten, dass solche verbal und body cues als Markierungen des Übergangs zwischen Spiel- und Besprechungsaktivitäten ziemlich einheitlich sind. Ich als Amateur- und Versuchsdirigentin setze ähnliche cues oder Zeichen ein, wie die Dirigent/inn/en in meinen Videos. Diese Zeichen sind fast schon universell verständlich, denn sie gleichen solchen, die auch in Alltagsgesprächen eingesetzt werden, vor allem um den Abschluss oder das Ende von etwas zu markieren (wie „ok“ oder „stop“). (Sie verhalten sich ähnlich wie Diskursmarker, siehe dazu den eigenen Beitrag.)

Das gilt auch für Gesten bzw. body cues. Ich habe diese Woche an einer Probe des Uniorchesters Salzburg teilgenommen, bei der die Dirigentin für die Unterbrechung der Musik wiederholt dieselbe Geste eingesetzt hat. Nämlich hat sie eine oder auch beide Hände mit den Handflächen nach vorne vor ihrer Brust oder vor ihrem Gesicht mit kleinen Bewegungen nach vorne und zurück bewegt. Die Geste gleicht der Stop-Geste, so wie sie auch Polizist/inn/en einsetzen, um ein Auto anzuhalten. Dieselbe Geste kommt in meinen Videos ebenfalls oft vor, sobald die Dirigent/inn/en die Musik zum Abbruch bringen möchten.

Es gibt also vielmehr Gemeinsamkeiten bei Dirigierenden, als man annehmen möchte. Es kamen nämlich auch in der Probe des Uniorchesters Kontrastpaare vor, und zwar entweder gesungen oder anhand von Erklärungen. Das zeigt, dass die Ergebnisse, die ich in meiner Dissertation erarbeite, nicht nur für Profi-Orchester relevant sind, sondern auch für Amateur-Orchester und Musikkapellen.

Und es hat sich für mich außerdem herausgestellt, dass ich durch die Arbeit an meiner Dissertation vielmehr in der konkreten Probensituation – sei es als Dirigentin oder als Musikerin – darüber nachdenke, was gerade geschieht und wie es passiert. Ich bin überzeugt, dass durch diese reflektierende und analysierende Perspektive heraus Proben sehr viel effizienter gestaltet werden können. Das war nämlich auch mein Ziel als Dirigentin in der Probe am vergangenen Wochenende.

mm

 

Diskursmarker in der Orchesterprobe – markieren sie, oder verwirren sie doch eher?

Von Cosenza in meinem letzten Blogbeitrag kehren wir heute wieder zurück in mein Büro in Salzburg. Wir widmen uns einem Thema, dem wir, wenn wir sprechen, eigentlich keine Aufmerksamkeit schenken, den sogenannten Diskursmarkern. Diskursmarker sind aber durchaus wichtig für die Strukturierung und die Organisation des Kommunikationsprozesses. Doch was genau versteht man unter diesem Terminus?

Diskursmarker haben keine wirkliche Semantik, sondern nur eine Funktion, nämlich jene, ein Gespräch zu steuern. Deutsche Diskursmarker sind z.B. „also“, „ähm“, „nur“, „und“, „aber“, „dann“, „weil“, „gut“, „genau“, usw. Wir verwenden diese Marker im Alltag ganz unbewusst, ohne darüber nachzudenken. Mit ihrer Hilfe beginnen wir ein Thema oder bringen ein Thema zu Ende, wir gewichten Argumente, verbinden Aussagen miteinander, präzisieren und korrigieren.

Auch Dirigent/innen verwenden solche Diskursmarker in Orchesterproben, um ihren Erklärungen und Anweisungen eine nachvollziehbare Struktur zu verleihen. Hier spielt auch der mehrsprachliche Charakter einer Orchesterprobe eine Rolle. In meinen Daten kann ich z.B. beobachten, dass in Orchesterproben von französischen Orchestern  Gastdirigenten Diskursmarker in Italienisch oder Englisch einsetzen, also nicht in der eigentlichen Arbeits- oder Heimatsprache des Orchesters. Das ist deshalb interessant, da die Dirigenten eigentlich auf Französisch erklären oder korrigieren, ihnen aber die Diskursmarker in für sie leichteren Sprachen fast schon herausrutschen. Französisch ist für diese Gastdirigenten nicht Muttersprache, Italienisch und Englisch sind aber wohl Sprachen, in denen sich die Dirigenten wohlfühlen und die ihnen vertrauter sind als das Französische.

So kann ein Satz eines Dirigenten z.B. lauten: „So, je pense le plus important […] c’est chanter.“ Der Dirigierende leitet hier einen französischen Satz mit einem englischen Diskursmarker (fettgedruckt) ein. Gleichzeitig zeigt er mit dem Marker an, dass er das vorher Erklärte abschließen möchte und davon ausgehend nun zu einer Schlussfolgerung gelangt. Dem Dirigenten fehlt hier das französische Wort „donc“, das mit dem englischen „so“ gleichgesetzt werden kann. Diesen gap (‚Lücke‘) schließt er mit einem englischen Wort, dessen Gebrauch in diesem Fall keinen Aufwand für ihn bedeutet. Durch den kurzen Ausflug ins Englische – wenn auch nur für ein Wort –  ist der Dirigent also in der Lage, einen gewissen Gesprächsfluss aufrecht zu erhalten und damit gleichzeitig wertvolle Probenzeit einzusparen.

Der Dirigent nimmt außerdem an, dass solche Diskursmarker in anderen Sprachen auch in den sprachlichen Repertoires der Musiker/innen vorkommen. Er geht von einem gemeinsam geteilten Wissen aus, in dem auch die korrekte Interpretation von Diskursmarkern (in Fremdsprachen, oder zumindest nicht in der Arbeitssprache des Orchesters) verankert ist. Diskursmarker, wie z.B. „yes“, werden auch eingesetzt, um die Musik zu unterbrechen. Die Musiker/innen sind durchaus in der Lage, solche Marker als Übergangssignale von der Musik in eine Unterbrechungsphase zu begreifen, denn sie hören in der Tat kurz danach auf zu spielen.

Hier kommt aber sicherlich auch der Gestik des Dirigenten eine bedeutende Rolle zu. Denn sobald ein/e Dirigierende/r möchte, dass die Musiker/innen aufhören sollen zu spielen, lässt er/sie die Hände nach unten sinken und bewegt den Dirigierstab/Taktstock nach unten. Deshalb könnte es durchaus sein, dass die Musiker/innen mehr die Gesten des/der Dirigierenden interpretieren und deuten, als die gleichzeitig geäußerten Diskursmarker.

Informieren Diskursmarker in anderen Sprachen die Musiker/innen in Orchesterproben also, oder verwirren sie sie doch eher? Was meint ihr, meine lieben Leserinnen und Leser? …

mm

P.S.: Ich wünsche allen meinen treuen Leserinnen und Lesern eine frohe und besinnliche Advents- und Weihnachtszeit! 🙂

OIM-Treffen in Cosenza… eine andere Welt?

Heute melde ich mich mit einem Blogbeitrag zu einem etwas anderen Thema als gewohnt zurück. Es geht nämlich nicht um meine Dissertation und um Orchesterproben, sondern um ein Projekttreffen in Cosenza in Kalabrien zu Italianismen, also italienische übernommene Wörter in unterschiedlichen europäischen Sprachen, wie Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Katalanisch / Spanisch, Polnisch, usw. Seit Beginn meiner Anstellung an der Uni Salzburg – seit Anfang Oktober 2018 – arbeite ich an dem Projekt mit und beschäftige mich mit den Italianismen in der deutschen Umgangssprache, sowie im Südtiroler, Schweizer und Österreicher Deutsch.

OIM steht für Osservatorio degli italianismi nel mondo, ein Projekt der Accademia della Crusca, das auch als Onlinedatenbank (http://www.italianismi.org/) abfragbar ist. Diese Datenbank wird momentan überarbeitet und mit einer neuen Maske überspielt, die wir in Cosenza das erste Mal ausprobieren durften. Bis zum April nächsten Jahres sollte diese neue Plattform online sein und den Umgang mit bestehenden und auch neuen Daten erleichtern.

Ich finde das Projekt sehr interessant und spannend, denn es unterstreicht die Bedeutung des Italienischen in anderen Sprachen, denkt man alleine an den Gebrauch von Pizza, Spaghetti, Cappuccino, Paparazzo, Dolcevita, usw. Außerdem hat mir die Beschäftigung mit den Daten den Blick auf bestimmte Wörter, die ich in meinem Südtiroler*innen Dialekt verwende, verändert. Denn wer weiß schon, dass das Wort Gensefrigl (dt. Gänsehaut) vom Italienischen fregare (dt. zerreiben) abstammt??…

Es handelt sich also in dem Sinn um ein neues Thema, eine Art neue Welt für mich, die ich durch das Treffen in Cosenza bereits ein Stück weiter kennenlernen durfte. Das Treffen fand an der Università della Calabria statt, einem Komplex, der sich über 3 km erstreckt, der ca. 20.000 Student*innen einen Studienplatz bietet und in dem die Mensa bereits um 12.45 Uhr so überfüllt ist, dass man schnell die Orientierung verliert und vergeblich einen Sitzplatz sucht… Aber das Ganze war halb so schlimm, denn die Kalabresen*innen machen alles wieder mit ihrer Gastfreundlichkeit und ihrem sympathischen Entgegenkommen wett. Außerdem ist das kalabresische Essen sehr, sehr empfehlenswert, mit den Lagane e ceci, dem Caciocavallo Podolico oder der unvergleichlichen Süßspeise Varchiglia auf der Basis von Mandeln und Schokolade.

Hier einige kulinarische Eindrücke:

Und dann gab es da noch eine andere Welt, nämlich das Kalabrien wie es leibt und lebt, mit gefühlt uralten Häusern, die aussehen, als ob sie gleich in sich zusammenklappen würden, hupenden Autos zu jeder Tages- und Nachtzeit, Baustellen, auf denen niemand arbeitet, oder Müll, der einfach herumliegt. Es ist nicht schön, so etwas zu sehen, aber man hat den Eindruck, dass es den Menschen trotzdem gut geht und dass sie mit dem zufrieden sind, was sie haben.

Alles in allem war der Ausflug nach Cosenza sehr aufschlussreich und augenöffnend: Ich habe neue Menschen kennengelernt, ich habe andere Lebensumstände erfahren und wie schon Mark Twain sagte, „Man muss reisen, um zu lernen.“

mm

P.S.: Für alle Neugierigen, die sich noch ausführlichere Informationen zum OIM-Projekt einholen möchten, hier noch ein Link: Osservatorio degli italianismi nel mondo.

Salzburg – oder ein neues Kapitel in meinem Leben…

Heute gibt es einmal weniger wissenschaftliche, dafür aber mehr persönliche Post hier auf meinem Blog… 🙂 Nämlich arbeite ich seit gestern, 1. Oktober 2018, an der Uni Salzburg als Dissertantin für italienische und französische Sprachwissenschaft, also genau in dem Bereich, in dem auch meine Dissertation anzusiedeln ist. Für die nächsten vier Jahre werde ich also nicht mehr an der Uni Innsbruck anzutreffen sein, sondern nun an der Uni Salzburg.

Für die Arbeit an meiner Dissertation ändert sich aber nichts oder fast nichts: Die Erstbetreuerin für meine Diss an der Uni Innsbruck wird zu meiner Zweitbetreuerin, mein Vorgesetzter an der Uni Salzburg wird zu meinem Erstbetreuer. Und die Arbeit an meiner Diss geht weiter wie bisher, mit transkribieren, analysieren, schreiben, auf Tagungen Vorträge halten, Geschriebenes überarbeiten, und und und…

Auch mein Blog wird sich nicht groß verändern, ich werde auch in Zukunft – und das hoffentlich ein bisschen öfter 😉 – meinen Blog mit Inhalten bespicken, die mich in der Arbeit an meiner Diss beschäftigen oder auch über Tagungen und Workshops berichten.

Was sich ändert, ist, dass ich in einem anderen Büro sitze, mit einem anderen Ausblick (aber immer auf Berge!!) und dass sich mein Arbeitsumfeld aus anderen Personen wie bisher zusammensetzt. (Was aber nicht heißt, dass ich mit meinen bisherigen Arbeitskolleg/innen und Wegbegleiter/innen keinen Kontakt mehr habe!) Auch tauche in eine neue Forschungslandschaft ein, nämlich in jene der Uni Salzburg und lerne dort hoffentlich neue und interessante Forschungsprojekte kennen, die mir eventuell auch für die Arbeit an meiner Diss neue Richtungen aufzeigen.

Eine neue Richtung hat sich für mich bereits ergeben, nämlich werde ich einen Teil meines Corpus nun auch phonetisch transkribieren und analysieren. Das hängt damit zusammen, dass mein Erstbetreuer und Vorgesetzter Spezialist auf diesem Gebiet ist und er meiner Diss auch eine Art Touch verleihen möchte. 🙂 Die phonetische Analyse / Transkription stellt ziemliches Neuland für mich dar, eine Einlese- und Einübephase steht mir sicherlich in nächster Zeit bevor… Hier auf meinem Blog werde ich darüber schreiben, wie ich voran komme und wie ich mich in diesem Neuland zurechtfinde…

Außerdem steht in nächster Zeit, nämlich noch im Oktober, ein Workshop in Halle mit Anna W., Maximilian K. und Axel S. an. Mit den drei treffe ich mich nun bereits das vierte oder fünfte Mal – und sicherlich auch nicht das letzte Mal. Wir beschäftigen uns jedes Mal mit Instruktionen in Proben (Genaueres dazu kann auch in älteren Blogbeiträgen nachgelesen werden) und kommen immer wieder auf neue Ergebnisse und Erkenntnisse. Das Thema der Instruktionen ist – glaube ich – noch lange nicht ausgereizt! 😉

Es stehen auch noch einige weitere Projekte in Aussicht, darüber möchte ich aber noch nicht zuviel verraten, es sei nur soviel gesagt: Langweilig wird mir sicher nicht! 🙂

Aus Salzburg, mm

 

Das war Essen!

…wie versprochen berichte ich in diesem Blogbeitrag über meine Zeit in Essen, über die Ergebnisse der Datensitzung zum Thema Vorsingen in der Orchesterprobe und auch über den einen oder anderen kulinarischen Leckerbissen, den man in Essen nicht verpassen sollte… 😉

Aber  beginnen wir von vorne… Es war heiß in Essen, sogar sehr, sehr heiß. In meinem Hotelzimmer gab es keine Klimaanlage und auch an der Uni mussten wir uns in dem Seminarraum, in dem unsere Datensitzungen stattfanden, nur notdürftig mit einem Ventilator aushelfen. Der Hitze zum Trotz arbeiteten wir intensiv mit und an unseren Videodaten und kamen zu wichtigen, neuen und interessanten Erkenntnissen, von denen ich einige nun ein wenig genauer ausführen möchte.

In meinem letzten Beitrag (Time for a new adventure…) und auch in dem Beitrag über das Singen in der Orchesterprobe („Even shorter, ti ta ta ta ta to to to, ja?“) habe ich über den Unterschied zwischen Vor- und Nachsingen gesprochen. Der Dirigent oder die Dirigentin kann in einer Probe das, was die Musiker/innen gespielt haben, nachsingen oder aber auch eine Version vorsingen, die neu ist bzw. einen Kontrast zum soeben Gespielten aufzeigt. In unserer Datensitzung in Essen haben wir noch einen weiteren Singtyp entdeckt, nämlich das Mitsingen. Einige der Dirigenten meines Corpus singen simultan zur Darbietung der Musiker/innen mit und versuchen so die Musik in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dieses Mitsingen kann mit verbalen Instruktionen verglichen werden, die die Dirigierenden während des Spiels der Musiker/innen immer wieder einwerfen bzw. in den Raum rufen. Ziel ist es, dass die Musiker/innen unmittelbar auf die Anweisungen des Dirigenten/der Dirigentin reagieren und die gewünschte Spielweise oder Interpretation sofort musikalisch umsetzen.

Außerdem fiel uns während der Datensitzung auf, dass sich die Dirigierenden in ihrem Singen auf unterschiedliche Aspekte fokussieren können. Zum einen gehen sie auf technische Aspekte ein, zum anderen verarbeiten sie auch artikulatorische, dynamische oder interpretatorische Eigenheiten der Musik. Hinzu kommt, dass es Videoabschnitte gibt, in denen die Dirigierenden mit einem Aspekt starten, z.B. einem artikulatorischen und dann noch weitere Instruktionen anfügen, die die Dynamik oder die Interpretation betreffen. Das Vor- und Nachsingen verleitet die Dirigierenden in diesem Sinne zu weiteren Instruktionen, die sich übereinander lagern, aber immer auf die ein- und dieselbe Stelle in den Noten bezogen sind. In einem Wechsel zwischen vorgesungenen Passagen und nachgespielten Passi der Musiker/innen wird die Stelle so lange geprobt, bis sie in den Ohren des Dirigenten soweit gut klingt.

Die Frage, die sich für mich in diesem Zusammenhang stellt und an der ich auch in nächster Zeit arbeiten werde, ist, welche Aspekte die Dirigierenden in ihrem Singen eher behandeln: technische, artikulatorische, dynamische oder interpretatorische? Ich werde also versuchen, eine Art Statistik aufzustellen, in der ich die Häufigkeit der einzelnen Aspekte eintrage und dann auch feststellen kann, wo sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der verschiedenen Dirigierenden in meinen Videodaten ergeben. Ich werde auf die Ergebnisse dieser Statistik – sobald ich sie erarbeitet haben werde – in einem meiner künftigen Blogbeiträge noch eingehen.

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Zum Schluss nun aber noch etwas zu meinen Erfahrungen mit dem Essen in Essen… 🙂 Empfehlenswert wäre zum einen das Restaurant Seitenblick, das sich mitten in Essen befindet und zu Fuß vom Bahnhof in 5-10 Minuten erreichbar ist. Ich habe dort zum ersten Mal in meinem Leben ein Wassermelonensteak gegessen…

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…sieht nicht nur gut aus, sondern schmeckt auch sehr gut, wenn auch ein bisschen nach Fleischgrillgewürz. Das Restaurant bietet einige nicht alltägliche Gerichte an, wie z.B. vegane Aufstriche – die ebenfalls weiterzuempfehlen sind – oder die Stulle ohne Stulle, die Preise sind aber auch dementsprechend etwas höher als normal. Ein weiteres Manko: die lange Wartezeit auf das Essen, obwohl im gesamten Restaurant nur einige wenige Tische besetzt waren…

Sehr nahe legen kann ich außerdem die Mensa an der Uni in Essen. Man kann als Gast dort ganz einfach und kostengünstig zu Mittag essen, es gibt auch vegetarische und vegane Gerichte und der Geschmack des Essens steht einem Restaurant in keinster Weise nach. Ich bin eigentlich nicht der Fan von Mensen, aber diese Uni-Mensa hat mich überzeugt: Sie besticht nicht nur des Angebotes und des Geschmackes wegen, sondern auch durch ihre Konzeption und das ansprechende Design. Also: Zum Essen in Essen nicht die Mensa an der Uni vergessen! 🙂

mm

P.S.: Hier noch ein paar weitere Eindrücke zu Essen…

 

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Time for a new adventure…

…dieses Mal in Essen! Ich sitze gerade in meinem Hotelzimmer in Essen und verfasse diesen neuen Blogbeitrag zu einem bevorstehenden Workshop an der Universität Duisburg / Essen. Der Workshop wird heute Nachmittag und morgen ganztätig stattfinden und sich – ein weiteres Mal – mit Instruktionen in Theater- und Orchesterproben beschäftigen. Unsere Gruppe, bestehend aus Maximilian K. aus Essen, Anna W. aus Halle, Axel S. aus Mannheim und mir, hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema der Instruktionen in Proben(prozessen) noch genauer unter die Lupe zu nehmen und auch etwas wissenschaftlich Fundiertes dazu herauszugeben.

Wir erforschen alle vier entweder Theater- oder Orchesterproben und haben schon früh festgestellt, dass uns das Thema der Instruktionen, Anweisungen und Korrekturen verbindet und dahingehend – auch wenn wir alle mit unterschiedlichen Videodaten arbeiten – viele Gemeinsamkeiten (aber auch Unterschiede) auftauchen. Bei diesem Workshop möchten wir uns wiederum auf Instruktionen konzentrieren, dieses Mal aber einzelne Merkmale, die in instruktiven Passagen hervortreten, genauer untersuchen. Und wie könnte es anders sein, ich habe mich für das Vorsingen als sich hervortuende instruktive Praktik in der Orchesterprobe entschieden. Ich habe bereits in einem meiner vorigen Beiträge („Even shorter, ti ta ta ta ta to to to, ja?“) einige Gedanken zum Thema Vor- und Nachsingen in der Orchesterprobe angestellt. Ich habe dort das Singen der Dirigierenden als eine Art Ersatzhandlung für das Spielen eines Instruments bezeichnet. An diese Feststellung möchte ich nun noch den Gedanken anfügen, dass es ja an und für sich nicht wirklich möglich ist, über Musik zu sprechen, sondern dass dafür meistens Metaphern ins Spiel kommen. Einige Dirigierende arbeiten hier mit Alltagsbildern, andere mit Bildern, die an Vorgänge in der Natur anknüpfen, wiederum andere versuchen Klänge durch Farben zu beschreiben. Eine andere – und weitaus gängigere – Möglichkeit besteht auch darin, einen Klang zu imitieren bzw. vor- oder nachzusingen. Wie bereits in dem oben erwähnten Blogbeitrag beschrieben, fehlen den Dirigierenden, die in meinem Datencorpus vorkommen, meist die sprachlichen Kompetenzen in der Arbeitssprache des Orchesters, um in Metaphern zu sprechen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sie auf einen allgemein verständlichen Code zurückgreifen, nämlich dem Singen. Für dieses Singen setzen sie Tonsilben ein, die auf den ersten Blick frei von jeglichem Sinn erscheinen, bei genauerem Hinsehen jedoch sehr wohl sinnreich und voll an semiotischem Material sind.

Folgende Fragen möchte ich im Laufe des Workshops zur Diskussion stellen:

  • Welche Funktionen kann das Vor- und Nachsingen haben?
  • An welchen Stellen in der Probe setzen die Dirigierenden das Singen ein?
  • Wie singen sie vor? Kommen auch Gestik und Mimik während des Singens zum Einsatz?
  • Gibt es verschiedene Arten des Vorsingens (summen, mit Tonsilben, mit Lauten, usw.)?
  • Kann zwischen Vor- und Nachsingen unterschieden werden?
  • Gibt es Gemeinsamkeiten im Singen bei den unterschiedlichen Dirigierenden?
  • Wie reagieren die Musiker/innen auf das Singen?

Einige dieser Fragen habe ich bereits ansatzweise in dem oben erwähnten Blogbeitrag beantwortet, deshalb verweise ich gerne nochmals darauf. Auch als eventuelle Einstimmung und Vergleich zu den Ergebnissen der Analysen des Workshops, die ich natürlich im Anschluss daran hier auf meinem Blog teilen möchte. Und – wie es die Tradition so will – werde ich auch ein wenig über die Stadt Essen und meinen Aufenthalt hier berichten… Vielleicht gibt es ja das eine oder andere interessante Restaurant, das einen Besuch wert sein könnte, wenn jemand meiner Leserinnen oder Leser in nächster Zeit in Essen sein sollte… 🙂

Bis bald, mm

Basel 2.0

Ja, ich war ein weiteres Mal in Basel! Dieses Mal habe ich am 6. Juni einen Vortrag zum Einsatz von multimodalen Ressourcen in der Orchesterprobe auf der VALS/ASLA-Tagung (VALS = Vereinigung für Angewandte Linguistik in der Schweiz) gehalten. Ich war bereits letztes Jahr im Juni in Zürich auf der VALS/ASLA-Tagung (siehe auch meinen Beitrag „Das war Zürich…“ dazu) und habe dort einen Vortrag zur Mehrsprachigkeit in Orchesterproben gehalten. Dieses Jahr stand die Tagung unter dem Motto „A Video Turn in Linguistics?“ und beschäftigte sich mit den Themen multimodale Analysen, methodologische Aspekte in der Arbeit mit Videodaten, sowie Verwendung von Video in der Feldforschung.

Da meine Videodaten ja stark mit multimodalen Elementen wie Sprache, Gestik, Mimik, Blick, Haltung und Körperbewegung, bestückt sind, habe ich einen Ausschnitt aus einer Orchesterprobe des Orchestre de Rouen für die Tagung ausgewählt, diesen im Vorfeld einer ausgiebigen multimodalen Analyse unterzogen und die Ergebnisse in meinem Vortrag auf der Tagung präsentiert. Dabei habe ich mich vor allem auf die Mimik und die Gesten des Dirigenten Antony Hermus konzentriert, die er verwendet, wenn er instruiert, korrigiert oder erklärt. Es stellte sich heraus, dass der Dirigent die Mimik und Gestik, die er in Unterbrechungen der Musik anwendet, auch in ähnlicher Art und Weise einsetzt, sobald das Orchester spielt und er gleichzeitig zur laufenden Musik Anweisungen gibt. Der Dirigent hat mir – nach Rückfrage – verraten, dass er vor allem sich ähnelnde Gesten dahingehend benutzt, als dass sich eine Art Muster bilden kann: d.h. wenn die Musiker/innen eine bestimmte Geste von ihm sehen, wissen sie sofort, was diese bedeutet und was er von ihnen hören möchte.

Diese Art von Muster zeigt sich auch in meinen Daten. Der Dirigent zeigt z.B. in einer Unterbrechung der Musik mit seinen Händen, die er beide mit ausgestreckten Zeigefingern vor seiner Brust langsam nach vorne führt, an, dass er einen langgezogenen Klang hören möchte. Er unterstützt diese Geste durch eine verbale Anweisung, nämlich „c’est possible long“, was soviel bedeutet, wie „Könnt ihr das/diesen Ton bitte lang spielen?“. Sobald das Orchester genau diese Stelle dann nochmals spielt, verwendet der Dirigent simultan zur Musik eine ähnliche Geste: Während er mit dem Taktstock in der rechten Hand dirigiert, führt er seine linke Hand mit der Handfläche nach unten von links außen bis vor seine Brust. Damit impliziert der Dirigent den langen, getragenen Klang, den er in der Unterbrechung vorher bereits ausführlich erklärt – und auch vorgesungen – hat.

Solche oder ähnliche Beispiele kommen noch mehrere in dem besagten Videoausschnitt vor – somit bestätigt sich das vom Dirigenten angedeutete Muster, mit dem er in den Proben arbeitet und so versucht, Intersubjektivität auf ökonomische Art und Weise zu erreichen. Der Dirigent ist auch der Ansicht, dass die Musiker/innen sehr viel von dem verstehen, was er ihnen beibringen möchte, aber bestimmt nicht alles. Sobald sie spielen, merkt er, was angekommen ist und was nicht und er korrigiert dann auch teils seine Gesten, um das gegenseitige Verständnis zu erleichtern.

Es ist für mich sehr interessant zu sehen, wie der Dirigent seine Gesten (und teilweise auch die Mimik) während der Probe interpretiert. Ich habe in meinem Vortrag bewusst auch die Ansicht des Dirigenten mit eingebaut, um einen Vergleich zu meinen Analysen herzustellen und somit die Theorie greifbarer zu machen – ganz im Sinne der Angewandten Linguistik.

Die Tagung war – wie die meisten von mir bisher besuchten Tagungen – sehr interessant und lehrreich. Ich war leider nur an einem Tag auf der Tagung, da ich an den restlichen Tagen beruflichen Pflichten nachkommen musste, aber ich nehme neue Eindrücke und Ideen mit, die ich in meiner Dissertation verarbeiten und für künftige Vorträge auf anderen Tagungen verwenden werde.

Trotz der begrenzten Zeit hatte ich dieses Mal die Möglichkeit Basel auch ein wenig touristisch zu erleben und bin u.a. mit einer Fähre über den Rhein gefahren, habe die Stadt an und für sich ein bisschen mehr als das letzte Mal erkundet und habe auch so einiges über das Schwimmen im Rhein mit dem sogennanten Wickelfisch erfahren bzw. auch einen als Andenken mit nach Hause genommen… 🙂

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Als nächstes Ziel steht nun eine Datensitzung Ende Juli in Essen an – dazu aber mehr in meinem nächsten Blogbeitrag…

mm

P.S.: Die erstmalige Benutzung des Wickelfischs steht noch aus…