Long time no blog?

Ok, ich gebe es zu… seit meinem letzten Blogbeitrag ist ein bisschen viel Zeit vergangen bzw. ist es bereits über einen Monat her, dass ich mich hier zu Wort gemeldet habe. Wie ich aber Anfang September angemerkt habe (siehe A lot of work is going on…), habe ich zurzeit viel um die Ohren: eigene Lehrveranstaltung, Arbeit an Artikeln und an Vorträgen für Tagungen, Arbeit an meiner Diss, Rummel zu Semesterbeginn usw. Kurzum: Es haben sich einige Dinge aufgestaut, die mich daran gehindert haben, einige Zeilen hier auf meinem Blog zu verfassen.

Deshalb möchte ich heute die etwas ruhigeren Minuten nutzen, um über das Thema Motivation zu sprechen. Ich werde öfters mit der Frage konfrontiert: Wie kannst du dich immer wieder – oder immer noch – dazu animieren, an deiner Diss zu schreiben? Häufig auch in Verbindung mit folgenden Kommentaren: „Für mich war bereits das Verfassen meiner Diplomarbeit/Masterarbeit eine Plage!“, „Und dann musst du soviel schreiben!“, „Dafür hätte ich keine Geduld (mehr)!“. Solche Fragen und Kommentare sind durchaus berechtigt, wenn man sich nur die Statistiken ansieht: Viele Dissertanten/innen schreiben ihre Dissertationen nicht zu Ende, benötigen mehr als fünf Jahre dafür, die Quote für einen erfolgreichen Abschluss liegt bei gerademal 25%. Also nicht wirklich berauschend.

Was aber motiviert mich, mich tagein tagaus mit demselben Thema und das nun schon seit Sommer 2015 (siehe Mit Worten und Tönen, mit Händen und Füßen…) zu beschäftigen? Die Antwort ist ganz einfach: Ich liebe es zu forschen. Ich gelange fast jeden Tag zu neuen, aufschlussreichen, interessanten Erkenntnissen in der Analyse meiner Daten, die mich antreiben, noch tiefer zu gehen, ein weiteres Mal in diesem und jenem Artikel dieses oder jenes nachzulesen und mit meinen eigenen Daten zu vergleichen, kleinste Details in meinem Datenmaterial zu sondieren und in Relation zum großen Ganzen zu setzen, und so weiter und so fort.

Und als weitere Antwort: Das Thema wird nie langweilig. Denn zum einen agieren die Dirigenten/innen in meinem Corpus – auch wenn sie grundsätzlich alle dasselbe machen – so unterschiedlich, dass diese Unterschiede alleine bereits in einer eigenen Arbeit behandelt werden könnten. Mir geht es aber weniger um Unterschiede, als vielmehr darum, meinen Daten eine gewisse Struktur zu verschaffen und nach für die Orchesterprobe charakteristischen Handlungen und Praktiken zu ordnen/zu suchen.

Und das ist alles andere als langweilig! Allerdings…, wenn mir dann doch das eine oder andere Mal langweilig wird oder wenn ich gerade eine Schreibblockade habe, dann habe ich einen entscheidenden Vorteil: Ich kann mich von der Musik berieseln lassen! 🙂 Mein Corpus besteht ja zum größten Teil aus musikalischen Parts; die Besprechungsphasen, die ich in meiner Diss untersuche, machen im Vergleich dazu nur einen kleinen Teil aus. Das heißt: Ich schalte einfach die Musik ein und genieße die Klänge von Profi-Orchestern, die mich im besten Fall inspirieren und wieder neu motivieren.

Und damit ich nicht die Einzige bin, die von den Melodien profitieren kann, hier ein kleiner Auszug:

mm

A lot of work is going on…

Heute gibt es mal wieder ein kleines Update zu dem, was zur Zeit bei mir ansteht, und zwar hinsichtlich Tagungen, Workshops/Datensitzungen, Lehre an der Uni sowie Artikel/Aufsätze. Und nicht zu vergessen: Wie geht es mit meiner Dissertation voran?

Tagungen. Im September fahre ich gleich auf zwei Tagungen in derselben Woche. Und zwar vom 17.-19. September auf die GAL in Halle, wo ich an der Postersession und dem Posterslam teilnehmen werde, und am 20. September werde ich in Innsbruck einen Vortrag auf der Tagung zu Gastronomie und Önologie halten. Bei der Postersession in Halle werde ich ein Poster präsentieren, das instruktive Sequenzen in Orchesterproben behandelt. Bei meinem Vortrag in Innsbruck werde ich dagegen über ein Thema sprechen, das mich persönlich interessiert, das aber in keinem Zusammenhang mit meiner Dissertation steht: Es geht um (verwendete) Sprachen in Südtiroler Speisekarten (siehe auch meinen letzten Blogbeitrag Fehleranalyse in Südtiroler Speisekarten). Das Corpus, das ich für diese Präsentation verwende – Speisekarten von 20 Südtiroler Restaurants -, werde ich auch für eine weitere Tagung nutzen, nämlich für die ÖLT im Dezember, die an der Uni Salzburg stattfindet. Dann werde ich über Eigennamen enthaltende Speisenbezeichnungen, wie etwa Rammelstein Maccheroni, Pizza Tommy, Weisses Kreuz Burger usw. sprechen.

Workshops/Datensitzungen. Ebenfalls im September, genauer gesagt am 30.09., werde ich an einem Datensitzungsvormittag mit und einem Gastvortrag von Arnulf Deppermann an der Uni Innsbruck teilnehmen, aber ohne eigene Daten. Das Thema der Datensitzung ist Kompetenzentwicklung in Lehr-Lern-Kontexten, der Gastvortrag behandelt die Transkription und Analyse von Videodaten sozialer Interaktionen.

Lehre an der Uni. Im kommenden Wintersemester 2019/20 werde ich meine erste Lehrveranstaltung an der Uni Salzburg zum Thema Pragmatik abhalten. Ich habe bereits während meiner Anstellung an der Uni Innsbruck universitäre Lehrerfahrung sammeln können und freue mich nun darauf, auch an der Uni Salzburg im Bereich Lehre tätig sein zu dürfen. Die LV wird sich in einem ersten allgemeinen Teil den Kerngebieten der Pragmatik widmen, wie z.B. Sprechakte, Konversationsmaximen und konversationelle Implikaturen, Deixis und Anapher usw. In einem zweiten spezifischeren Teil werden die Studierenden in die Konversationsanalyse eingeführt und ich werde in diesem Zuge auch über mein Dissertationsprojekt sprechen. Außerdem kommt Daniela Veronesi von der Uni Bozen für einen Gastvortrag nach Salzburg und wird über ihre konversationsanalytisch verankerten Projekte sprechen.

Artikel/Aufsätze. Zurzeit arbeite ich am Aufsatz zu meinem Vortrag über Mehrsprachigkeit (und Multimodalität) in Orchesterproben, den ich auf dem Forum Junge Romanistik im März 2019 an der Uni Innsbruck gehalten habe; dieser Aufsatz wird in einem Sammelband bei AVM Edition publiziert. Außerdem beginne ich mich mit dem Thema  Multimodalität intensiver auseinander zu setzen, und zwar für einen Artikel, der voraussichtlich in der Zeitschrift Multimodal Communication erscheinen soll. Der Artikel zu gesanglichen Demonstrationen als instruktive Praktik in Orchesterproben, von dem ich bereits in anderen Blogbeiträgen berichtet habe, ist fast fertig. Im Oktober steht eine letzte Besprechung an, bevor der Artikel gemeinsam mit Aufsätzen zu instruktiven Praktiken in Theaterproben in einer Schwerpunktausgabe der Online Zeitschrift für Gesprächsforschung veröffentlicht wird. Und nicht zuletzt habe ich vergangene Woche ein erstes Gutachten zu einem Aufsatz über multimodales Erzählen in der Orchesterprobe erhalten. Sobald auch das zweite Gutachten eingelangt ist, werde ich mich an die Überarbeitung des Artikels machen.

Meine Dissertation. Und zu gutem Schluss noch ein Update zum Vorankommen in meiner Dissertation. Ich beschäftige mich zur Zeit mit der Analyse von Instruktionssequenzen in Orchesterproben, den Theorieteil dazu gibt es bereits. Das Analysekapitel wird wohl noch ein wenig Zeit (ein paar Monate?) in Anspruch nehmen, auch unter Anbetracht der Tatsache, dass ich ab Oktober mit meiner Lehre beschäftigt sein werde und ich die Dissertation wohl (oder übel) ein wenig hinten anstellen muss.

Lange Rede, kurzer Sinn. Wie bereits im Titel dieses Beitrags angekündigt, steht eine Menge Arbeit an bzw. ist bereits viel am Laufen. Ich freue mich auf die kommende Zeit, denn ich werde mich mit neuen Themen beschäftigen, meine Forschung in die Lehre einbinden, dazwischen auch ein wenig reisen und auf Tagungen und Workshops neue Erfahrungen und Erkenntnisse einsammeln…und natürlich auch hier auf meinem Blog darüber berichten. 🙂

mm

Fehleranalyse in Südtiroler Speisekarten

Heute möchte ich mich – aus aktuellem Anlass heraus – einem Thema widmen, das nichts mit Orchesterproben zu tun hat. Und zwar werde ich im September in Innsbruck an einer Tagung zu Terminologie und Diskurs in Gastronomie und Önologie teilnehmen, wo ich einen Vortrag zu Speisekarten in Südtirol halten werde. In dem Vortrag möchte ich herausarbeiten, wie z.B. Schlutzkrapfen, Kaiserschmarrn, Knödel, usw. in verschiedenen Speisekarten angeführt sind (z.B. mit einer Erklärung) und wie die Gerichte in andere Sprachen – allen voran Italienisch und Englisch – übersetzt werden. Außerdem möchte ich untersuchen, ob und wie auch deutsch-dialektale Ausdrücke in den Speisekarten verwendet werden.

Es geht also nicht um Fehler in den Speisekarten, es ist aber trotzdem auffällig, wie viele Fehler in den Speisekarten unterschiedlicher Restaurants, Hotels, Gasthäuser und Almhütten auftauchen. An dieser Stelle möchte ich unterstreichen, dass ich mit diesem Blogbeitrag  niemanden angreifen oder kritisieren möchte, denn Gastronomen/innen sind keine Linguisten/innen und bemühen sich sicherlich sehr um die Gestaltung ihrer Speisekarten. Vielmehr möchte ich auf Fehler aufmerksam machen und vielleicht zur Optimierung der einen oder anderen Speisekarte anregen.

Fangen wir mit kleineren Fehlern an, die auch den größten Teil ausmachen und höchstwahrscheinlich den meisten Gästen gar nicht auffallen. Dazu gehört das Vergessen von Buchstaben: z.B. engl. spinac anstatt spinach, ital. insalata di capuccio anstatt insalata di cappuccio, dt. gehobelte Bergkäse anstatt gehobelter Bergkäse, dt. Mit Nüssen und Sultinen anstatt Mit Nüssen und Sultaninen. Außerdem fällt auf, dass Akzente – vor allem im Italienischen – falsch geschrieben werden: Während im Italienischen bei Wörtern wie tiramisù, ragù oder caffè die Akzente am Ende des Wortes nach unten gehen, sind in mehreren Speisekarten die Akzente nach oben angeführt (tiramisúragúcaffé). Auch wenn die Bezeichnungen eins zu eins ins Deutsche übertragen werden, sollten die Akzente doch dieselben bleiben wie im Italienischen.

Ähnlich verhält es sich mit Ausdrücken, die aus anderen Sprachen, wie dem Französischen, übernommen werden. So findet sich in einer Speisekarte eine sehr interessante Schreibweise von Crème brûlée, und zwar Crém Brülee. Es scheint, als ob der Ausdruck verdeutscht worden ist, ohne Rücksicht auf die französische Schreibweise. Auch die französische Bezeichnung Mousse wird in einer Speisekarte ans Italienische angepasst, indem sie zu moussa mutiert.

Interessant ist außerdem die dreifache Falschschreibung des italienischen Ausdrucks focaccia. In einer Speisekarte wird focaccia im Deutschen zu Rosmarinfoccica, im Italienischen zu Focciaca al rosmarino und im Englischen zu Rosemary foccacia. Als Gast kann man sich auch mal die Frage stellen: Ist das nun dreimal dasselbe oder jedes Mal etwas anderes?

Nicht zuletzt gibt es ausgefallene – und teilweise wahrscheinlich auch Google Translator verschuldete – Übersetzungen von bestimmten Gerichten. Tirtl wird mancherorts im Italienischen mit Ravioli übersetzt, Dreierlei Knödel wird im Englischen zu Tree dumpling („Baumknödel“?), Bergkäse wird ins Englische mit mountain kase überführt. Fehler in der deutschen Bezeichnung machen sich auch in der englischen Übersetzung bemerkbar: Schweinsfilet im Bauspeckmantel (anstatt höchstwahrscheinlich Bauchspeckmantel) wird in der englischen Übersetzung der Speisekarte zu Pork fillet in construction bacon coat. 

Und das Lustigste – als Dessert und mit Dessert – zum Abschluss: In einem Restaurant gibt es als Dessert Panna cotta. Diese Bezeichnung wird im deutschen Teil der Speisekarte angeführt. Man möchte nun annehmen, dass dieser italienische Ausdruck im Italienischen einfach so stehen bleibt, aber was macht das Restaurant? Panna cotta wird im Italienischen zu Bianco mangiare – dem Gast ist die Interpretation dieses Desserts wohl selbst überlassen… 😉

Mit kulinarischen Grüßen, mm

A Simplest Systematics for the plurilingual character of orchestra rehearsals

In einem der letzten Beiträge hier auf meinem Blog habe ich über den ersten big step in meiner Dissertation berichtet, nämlich über die Fertigstellung des Kapitels zur Mehrsprachigkeit (hier der Link zum Blog-Beitrag). Ab dem Zeitpunkt haben sich noch einige Korrekturen und Änderungen ergeben, aus denen resultierend ich eine sog. Simplest Systematics (in Anlehnung an Sacks/Schegloff/Jefferson 1974) für den mehrsprachigen Charakter von Orchesterproben erstellt habe.

Diese Systematik möchte ich hier auf meinem Blog teilen. Es handelt sich also um einen Einblick in meine Dissertation und zeigt, wie Mehrsprachigkeit in den von mir untersuchten Orchesterproben funktioniert:

Systematics ISystematics II

Die Abbildung lässt sich wie folgt interpretieren:

1) Italienisch steht als Fachsprache übergeordnet über dem gesamten Probengeschehen.

2) Eine erste einfache Frage, die gestellt werden muss, ist, ob sich der/die Dirigierende und das Orchester bereits kennen. Falls ja, so können (sprachliche) Lösungen aufbauend auf vorigen Probenerfahrungen herangezogen werden. Falls nein, müssen neue Lösungen gefunden werden.

3) In beiden Fällen spielt jedoch eine Rolle, wie gut der/die Dirigierende die Arbeitssprache des Orchesters beherrscht:

a) Wenn die Arbeitssprache des Orchesters mit der Erstsprache des/der Dirigierenden identisch ist, so stellt diese Sprache die natürlichste, selbstverständlichste für die Probenkommunikation dar. Das heißt auch, dass wenn ein/e italienische/r Dirigent/in mit einem italienischen Orchester Italienisch spricht, dann sollte es dasselbe sein, wie wenn ein/e französische/r Dirigent/in mit einem französischen Orchester Französisch spricht. (Letztere Konstellation kommt im Corpus der vorliegenden Arbeit nicht vor, es kann aber angenommen werden, dass die Sprachwahl und die Kommunikation ähnlich verlaufen.)

b) Der/die Dirigierende beherrscht die Arbeitssprache des Orchesters sehr gut. In diesem Fall geschieht die Sprachwahl auf der Grundlage von Natürlichkeit und einem Entgegenkommen.

c) Der/die Dirigierende hat mangelhafte Kenntnisse in der Arbeitssprache des Orchesters. Er/sie spricht die Sprache aus Entgegenkommen, aber es kann durchaus sein, dass eine andere Sprache natürlicher für ihn/sie wäre.

d) Der/die Dirigent/in kann die Sprache des Orchesters gar nicht. Ist dies der Fall, so wird auf eine andere Sprache (Englisch) als Lingua franca ausgewichen.

4) In den Fällen a), b) und c) ist die Arbeitssprache des Orchesters auch Basissprache in der Probe. Das Gewicht der Arbeitssprache als Basissprache sinkt mit abnehmenden Sprachkenntnissen, gleichzeitig steigt die Tendenz zu Codeswitching und zur Verwendung von anderen Codes, wie Singen, Gestik, Mimik, körperliches Tun. Diese Codes spielen in der Kommunikation in Orchesterproben immer eine Rolle, sie erhalten aber eine größere Bedeutung, umso mangelhafter die Kompetenzen des/der Dirigierenden in der Arbeitssprache sind.

5) Im Fall d) wird Englisch zur Basissprache. Auch hier können Elemente des Codeswitchings und aus anderen Codes mit in die Kommunikation einfließen.

6) Wichtig sind auch die Sprachen im Repertoire des Konzertmeisters, der Gesangssolisten/innen und der Instrumentalsolisten/innen in dyadischen Interaktionssituationen (Dirigent/in – Konzertmeister, Dirigent/in – Solist/in / Solisten/innen), soweit der/die Dirigent/in darüber Bescheid weiß. Für diese Art von Kommunikation wird eine Sprache gewählt, die von den Repertoires auf beiden Seiten abhängig ist. Es kann sich um eine geteilte Erstsprache handeln, oder es kann eine andere Sprache zum Einsatz kommen, die aus Natürlichkeit oder Entgegenkommen gewählt wird. In beiden Fällen handelt es sich um ein participant related Codeswitching.

Soviel also zum mehrsprachigen Charakter von Orchesterproben… 🙂 Eine Frage, die bleibt, ist, ob dieses von mir erarbeitete Schema auch auf andere Orchesterproben übertragbar ist, und zwar in Orchestern mit anderen Arbeitssprachen als Französisch oder Italienisch. Anzunehmen ist es wohl. Um die Frage eindeutig beantworten zu können, wären aber weitere Untersuchungen in anderen Orchesterproben erforderlich…

Und noch ein kleines Zuckerl zum Schluss: Wer mehr zur Mehrsprachigkeit in Orchesterproben lesen möchte, kann das sehr bald in einem von mir erscheinenden Artikel in dem Sammelband „Dynamische Approximationen. Festschriftliches pünklichst zu Eva Lavrics 62,5. Geburtstag“ tun. Der Sammelband wird noch 2019 bei Peter Lang erscheinen, mein Artikel trägt den Titel „‚Wichtig ist, dass die Botschaft hinüberkommt, wie, ist dabei gleichgültig.‘ Mehrsprachigkeit im Vergleich: Orchesterproben vs. Fußballfeld“. In dem Artikel beschreibe ich einige Ausschnitte aus meinem Datencorpus und vergleiche die daraus resultierenden Erkenntnisse mit der Mehrsprachigkeit auf dem Fußballfeld. Hier noch einige weitere Infos für alle Interessierten zum Sammelband:

Cover Lang

Bis zu meinem nächsten Blog-Beitrag,

mm 😉

Ein kleines Experiment…

Im heutigen Blogbeitrag möchte ich ein kleines Experiment starten. Und zwar habe ich letztens einen Artikel von Lorenza Mondada (hier verlinkt) zu stillen körperlichen Handlungen (silent embodied actions) gelesen. Damit meint sie Handlungen, die in einer Interaktion nicht mit Sprache, sondern mit anderen Ressourcen vollzogen werden, wie z.B. durch Blickverhalten, Körperbewegungen, Körperpositionen, Gesten, usw. In dem Artikel reflektiert sie auch die Herausforderungen, die dabei auf den/die Forscher/in in der Handhabung des Transkripts zukommen. Denn in einem Transkript können nicht alle Aspekte, die in der Interaktion eine Rolle spielen, festgehalten werden, bzw. bestimmt die Genauigkeit der Analyse, wie feingliedrig das Transkript aussehen muss.

Als Forschende/r muss man daher die Entscheidung treffen, was in das Transkript hinein soll und gleichzeitig auf was in der Analyse Wert gelegt wird. Ich möchte das an einem Beispiel aus meinen Daten demonstrieren. Hier zunächst ein erster Transkriptausschnitt:

Transkript Hermus I.jpg

In dem Auszug spricht der Dirigent ein Problem an, das den Auftakt (le levé) betrifft. Er singt die betroffene Stelle auch vor (Z04-05) und fügt in Z06 noch eine Erklärung an, warum der Auftakt gefährlich ist (especially quand c’est long), nämlich, wenn er zu lang gespielt wird. In Z07 singt er besagte Stelle ein weiteres Mal vor und weist in Z08 an, im Tempo zu bleiben. Er schließt die Anweisung mit einer Art Rückfrage (oui?) – ebenfalls in Z08 -, auf die er eigentlich keine Antwort von den Musikern/innen erwartet, durch die er aber nachdrücklich betont, was wichtig ist. In Z09 evaluiert er die bereits gespielte Version der Musiker/innen, im Sinne von ‚die Stelle ist so bereits gut gespielt, aber es geht noch besser‘.

So könnte ich die Analyse bereits stehen lassen, denn sie berücksichtigt fast alles, was auch im Transkript steht (mit Ausnahme der Tonhöhenbewegungen <<h> ‚hoch‘ und <<t> ‚tief‘ in Z04-05 und dem accelerando im Vorsingen in Z07). In dem Auszug spielen aber nicht nur die verbalen Äußerungen des Dirigenten eine Rolle, sondern es kommen noch andere Elemente hinzu, die ebenfalls in der Analyse berücksichtigt werden sollten:

Transkript Hermus II

Durch die Erweiterung des Transkripts durch die multimodalen Elemente wird klar, dass der Dirigent in Z01 die Musik unterbricht. Und zwar hört er auf zu dirigieren und er verwendet auch einen Diskursmarker auf Englisch (okay), der hier als Übergangssignal von Musik- zu Besprechungsphase interpretiert werden kann. Außerdem leitet er mit sorry eine Art Erklärung (account) für seine Unterbrechung ein, die er in Z02 auf Französisch verbalisiert (‚es gibt ein Problem mit dem Auftakt‘). Im ersten Transkript ist Z01 ohne diese zusätzlichen Informationen nicht wirklich zuordenbar.

Da die Musiker/innen nicht sofort aufhören zu spielen, winkt der Dirigent die Musik in Z02 zusätzlich ab – durch eine abwinkende Geste nach unten -, es dauert aber noch bis Z03, bis wirklich alle aufhören zu spielen. Das kann wohl damit erklärt werden, dass Musiker/innen grundsätzlich den Drang verspüren, eine musikalische Phrase zu Ende zu führen, auch wenn sie unterbrochen werden. Gleichzeitig handelt es sich auch nicht um eine übergangsrelevante Stelle (transition relevant place = TRP) im herkömmlichen Sinn – d.h. um eine Stelle, wo ein Beitrag potenziell abgeschlossen ist -, sondern der Dirigent unterbricht die Musik dort, wo ihm ein Fehler auffällt.

In Z04 und Z05 singt der Dirigent dann zwei Mal hintereinander die problematische Stelle vor. Zeitgleich setzt er Gesten ein, bei denen er zuerst mit der rechten Hand nach links über die linke Hand streicht, gefolgt von einer streichenden Bewegung nach rechts. Diese Geste erinnert stark an einen Bogenstrich. Dieselbe Geste kommt auch während des Singens in Z07 zum Einsatz, Z06 fügt sich als verbaler Zusatz in die gesungenen und gestischen Demonstrationen ein. Der Dirigent singt hier also drei Mal die gewünschte Variante der Stelle vor und gebraucht immer dieselbe Geste. Warum er drei Mal dieselbe Stelle vorsingt, kann wohl damit erklärt werden, dass in den beiden Versionen in Z04-05 die verbale Spezifizierung von Z06 noch fehlt. Außerdem greift der Dirigent das Erklärte (‚vor allem wenn die Stelle zu lang gespielt wird‘) in seinem Singen in Z07 (als Soll-Version) auf, denn er singt hier die Stelle schneller vor als in Z04-05.

Wir können in unserem Transkript noch einen Schritt weiter gehen und noch weitere Elemente mit dazu nehmen (für Z01, Z08 und Z09):

Transkript Hermus IIIIn dieser Transkription habe ich auch noch die Blicke und die Drehung des Oberkörpers des Dirigenten mit dazu genommen. Während des okay in Z01 blickt der Dirigent nach links, d.h. zu den Violinen und zeigt dadurch an, dass er von dieser Richtung etwas (Falsches) gehört hat, das der Grund für die Unterbrechung sein könnte. Kurz darauf blickt er auf die Partitur – es kann angenommen werden, dass er hier die Stelle sucht – und dann wieder nach links. Dieses Mal nimmt er aber seinen Oberkörper mit dazu und signalisiert damit den restlichen Musikern/innen, dass das, was nun folgt, diejenigen betreffen wird, die links vom Dirigenten sitzen, und zwar die Violinen (erste und zweite Geige). Diese Position hält der Dirigent bis Z08, erst bei der rückversichernden Frage oui? blickt er wieder auf die Partitur und dreht seinen Oberkörper hin zum Dirigierpult bzw. in eine gerade Position. Die weiter oben beschriebene Geste des Dirigenten, die stark an einen Bogenstrich erinnert, wird demnach wohl als eine Imitation des Bogenstrichs der Violinen an der problematischen Stelle in der Partitur zu interpretieren sein.

In dieser schrittweisen Erweiterung des Transkripts haben wir beobachtet, dass das Verbale alleine ganz und gar nicht dem gerecht wird, was in der Orchesterprobe eigentlich passiert. Für die Strukturierung und Ordnung der Interaktion spielt nämlich so viel mehr eine Rolle: die Gestik des Dirigenten, seine Körperposition und auch sein Blickverhalten. Im Zusammenspiel dieser multimodalen Elemente kann der Dirigent sehr genau zu verstehen geben, wen er für wie lange adressiert (hier: die Violinen bis Z08), um welche Stelle es sich handelt und wie die Stelle zu spielen ist.

Ich finde, dass dieses kleine Experiment sehr schön aufzeigt, wie in der Konversationsanalyse gearbeitet wird und was auch alles analysiert werden kann. Die Arbeit an und mit Videodaten wird also sicherlich nie langweilig… 🙂

mm

Einmal Applaus bitte!

Und zwar nicht für ein Orchester oder einen Dirigenten/eine Dirigentin, nein, der Applaus soll mir selbst gebühren. Denn ich habe es geschafft, ein gutes Drittel meiner Dissertation FERTIG ZU STELLEN!! 🙂 Kaum zu glauben, dass ich zum ersten Mal, seit ich an meiner Diss arbeite, einen Abschluss von etwas zu verzeichnen habe. Ich muss aber dazu sagen, dass eventuell noch einige Dinge in diesem Teil zu korrigieren oder abzuändern sind, doch das werden dann (hoffentlich!) nur noch Kleinigkeiten sein…

Ich habe das Kapitel zum Umgang mit Mehrsprachigkeit in Orchesterproben fertig geschrieben. Es gibt einen Theorieteil, einen empirischen Teil mit Analysen, sowie eine abschließende Zusammenfassung. Insgesamt ergibt das ein bisschen mehr als 100 Seiten. Die nächsten 100 Seiten sind nun für den Schwerpunkt Instruktionen und Multimodalität reserviert. Dann fehlt noch die Einleitung, die Corpus- und Methodenbeschreibung, sowie der Schluss. Klingt noch nach einigem an Arbeit, doch ich bin zuversichtlich, dass ich meine Dissertation das nächste Jahr ganz fertig haben werde und einreichen kann… 🙂

Und wer nun auf den Geschmack gekommen ist, etwas von mir zu lesen, der darf sich auf Juni freuen, denn dann wird ein Artikel von mir erscheinen, in dem ich das Thema Mehrsprachigkeit in Orchesterproben behandle – in einem Vergleich zur Handhabung mit Mehrsprachigkeit in Fußballmannschaften.

Außerdem wird es hoffentlich auch noch dieses Jahr, aller Wahrscheinlichkeit nach im Herbst, einen Artikel zum Vorsingen von mir in der Online Zeitschrift GO (hier verlinkt, dort gibt es auch anderen interessanten Lesestoff) geben, im Rahmen einer Schwerpunktausgabe zum Thema Instruktionen in Theater- und Orchesterproben. An dem Artikel arbeite ich nun schon seit Sommer/Herbst 2018. Ich und meine drei Kollegen/innen, die ebenfalls Artikel zum Themenschwerpunkt verfassen, sind nun in der Endphase, mit einer letzten Besprechung im Juni in Mannheim sollten die Beiträge zu einem Abschluss kommen.

Daneben gibt es noch einige weitere Publikationsprojekte, die ich gerne in nächster Zeit verwirklichen möchte. Eines wird sicherlich mit Multimodalität zu tun haben und erfassen, inwieweit das Sprechen über Musik möglich ist und ab welchem Punkt andere, zusätzliche bedeutungstragende Ressourcen mit ins Spiel kommen. Dieses Thema habe ich gestern – gemeinsam mit anderen Forschern/innen, die ebenfalls konversationsanalytisch arbeiten – bei einer Datensitzung in Innsbruck aufgegriffen und konnte einige interessante und anregende Ideen mitnehmen. Zu den anderen Projekten möchte ich noch nichts verraten – auf diese Weise bleibt es ein bisschen spannend… 😉

STAY TUNED!

mm

1 Woche, 2 Tagungen, 1600 km, 20 Stunden Zugfahrt – and a lot of impressions!

Ja, genau so wie es im Titel geschrieben steht, hat es sich auch angefühlt. Puh! Aber es hat sich gelohnt, denn ich bin nun mit neuen Ideen und Eindrücken wieder zurück an meinem Schreibtisch an der Uni Salzburg.

Fangen wir von vorne an… Ich bin am Montag, 18. März von Pfalzen nach Innsbruck losgestartet und habe mich dort im Haus Marillac einquartiert. Das Haus liegt ein bisschen außerhalb des Innenstadttrubels an der Mühlauer Brücke und bietet Zimmer mit Frühstück für einen akzeptablen Preis. Am Nachmittag ging es dann auch schon mit dem Forum Junge Romanistik los. Ich habe mir die Vorträge zu Phraseologie und Sprachbewusstsein angehört und mich dann auch noch von der spanischen Varietätenlinguistik berieseln lassen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, welche Themen erforscht werden (können) und welche Methoden dafür angewandt werden. Das tut auch für die eigene Forschung gut, wenn man den Horizont erweitern kann und über den eigenen Tellerrand ein wenig hinausschaut.54728875_645087269247256_3253369011538231296_n

Am Abend ging es dann weiter mit einem Get Together im Stiftskeller in der Innsbrucker Altstadt. Ich habe dort nicht nur gut gegessen und ein kühles Bier getrunken, sondern auch neue Kontakte geknüpft, unter anderem zu Forschern/innen, die in ähnlichen Feldern wie ich forschen, wie beispielsweise in der Chorprobe.01e308ba-e0ed-4037-9d1d-e963ead7d656

Und am nächsten Morgen war ich auch schon an der Reihe mit meinem Vortrag zur Mehrsprachigkeit in Orchesterproben. Ich habe zuerst in das Setting Orchesterprobe eingeleitet und erklärt, wie es sich mit den unterschiedlichen sprachlichen Repertoires der Dirigierenden und Musizierenden verhält, die dort aufeinander treffen. Im Anschluss daran habe ich Videoausschnitte präsentiert und diese dann einer Analyse mit Fokus auf Mehrsprachigkeit unterzogen. Als Fazit kam dabei heraus, dass sehr viel zwischen verschiedenen Sprachen und Codes (wie Gestik, Gesang und Körperbewegungen) gewechselt wird und dass sowohl Gesten als auch das Singen der Dirigierenden als eigene Codes in der Polyphonie der Sprachmischung bezeichnet werden können.54516252_645695442519772_8264678621344432128_n

Ich denke und hoffe, dass meine Präsentation gut angekommen ist. Ich habe im Anschluss durchwegs positive Rückmeldungen erhalten und noch weitere interessierte Nachfragen zu meinem Thema. Und am meisten gefreut hat mich, dass sich zwei meiner ehemaligen Professoren/innen an der Uni Innsbruck meinen Vortrag angehört haben! 🙂

Auch am zweiten Abend war ein gemütliches Beisammensein geplant, dieses Mal in der Claudiana in der Altstadt mit Tapas und Unterhaltung mit dem Kabarettisten Markus Koschuh. Er hat in seinem einstündigen Programm ein ganz neues Licht auf die Uni, Forschung und Wissenschaft geworfen, mit dem ein oder anderen Schmäh – Lachen garantiert!

Am Mittwoch hieß es dann bereits Abschied nehmen von Innsbruck und Weiterfahren nach Bielefeld im Nordwesten Deutschlands. Nach acht Stunden Zugfahrt kam ich am Abend im Comfort Garni Hotel in Bielefeld an und fiel nur noch todmüde ins Bett. Den Donnerstag Vormittag nutzte ich noch für die letzten Überarbeitungen an meiner Präsentation und machte mich dann mit der Stadtbahn auf den Weg zu Bielefelds Fachhochschule.

IMG_2391Ich kam gerade rechtzeitig zum Mittagessen (es gab eine unfassbar gute Tomatensuppe!! 🙂 ) und hörte mir vor meiner Präsentation noch einen Keynote-Vortrag an, der mich aber nicht wirklich vom Hocker haute, da der Professor eine ganze geschlagene Stunde nur von seinem Skript abgelesen hat. 😦 Und dann kam ich dran und habe zum ersten Mal auf Englisch meine Daten präsentiert. Da bei der ICMME Tagung die Mehrsprachigkeit im Mittelpunkt stand, habe ich dieselben Videobeispiele wie in Innsbruck verwendet und nur einige Kleinigkeiten abgeändert. Schade war, dass mein Vortrag nicht sonderlich gut besucht war, da ich noch ein eher unbeschriebenes Blatt in der Mehrsprachigkeitsforschung bin und die Tagungsteilnehmer/innen wohl an solchen Vorträgen teilgenommen haben, die von bereits bekannten Forschern/innen im Feld der Mehrsprachigkeit gehalten wurden.

Am Abend hätte es noch ein Conference Dinner gegeben, an dem ich aber nicht mehr teilnahm, da ich einfach zu müde war. Zwei Vorträge in einer Woche und viele Stunden Zugfahrt haben an meinen Energiereserven gezehrt und ich habe es vorgezogen, mich in meinem Hotelzimmer bei einer amüsanten, von Zickenkrieg durchzogenen Folge Germany’s Next Topmodel auszuruhen.

Und am Freitag bin ich dann auch schon wieder nach Hause gefahren. Wenn die Deutsche Bahn keine Faxen gemacht hätte, dann hätte ich es wohl in 7 anstatt 10 Stunden geschafft, aber „aufgrund einer technischen Störung“ war mir eine kurzatmigere Zugfahrt leider nicht vergönnt.

Alles in allem war es die Reise wert, und zwar nicht nur, weil ich meine Daten und mein Thema einem neuen Publikum präsentieren durfte, sondern auch, weil ich neue Bekanntschaften gemacht habe und mich mit Forschern/innen ausgetauscht habe, die ähnliche Interessen wie ich verfolgen und mit denen ich auch in Zukunft eine Zusammenarbeit anstrebe. Also: stay tuned! 😉

mm

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Next stops: Innsbruck und Bielefeld

Auf dem Titelblatt zu diesem Beitrag ist es vielleicht nicht wirklich gut zu erkennen, aber ich bin gerade dabei, zwei Tagungen vorzubereiten und Reisekostenzuschüsse dafür zu beantragen. Denn im März geht es für mich gleich auf zwei Tagungen, nämlich zum Forum Junge Romanistik in Innsbruck und zur International Conference on Multilingualism & Multilingual Communication in Bielefeld.

Auf beiden Tagungen werde ich eine Präsentation zur gelebten Mehrsprachigkeit in Orchesterproben halten. Ich beschäftige mich zur Zeit sehr stark mit diesem Thema, ich bin mitten in der Analysephase von ausgewählten Beispielen, von denen ich einige auf den Tagungen vorstellen werde.

Interessant zu beobachten ist in manchen der Beispiele das sog. participant related Codeswitching. Ein participant related Codeswitching vollzieht sich, wenn der Sprachwechsel an den Kompetenzen und Präferenzen der Interaktionsbeteiligten orientiert ist. So kommt es z.B. in einer Probe des Orchestre de Paris vor, dass der Dirigent mit einem Fagottisten in einem kurzen Austausch über die Spielweise einer bestimmten Stelle nicht die Arbeitssprache Französisch verwendet, sondern dafür auf Italienisch wechselt. Es kann angenommen werden, dass der Dirigent den Fagottisten kennt und weiß, dass eine seiner präferierten Sprachen (wenn nicht sogar Erstsprache) Italienisch ist.

Ein solcher Sprachwechsel ist also stark an das Wissen und die Annahmen des Dirigenten über die Sprachkompetenzen der Musiker/innen gebunden. Außerdem verändert sich das Teilnehmer/innen-Format: Es findet ein kurzzeitiger Wechsel von der vorherrschenden one-face-to-many-faces Interaktion in eine one-face-to-one-face Interaktion statt. Im Anschluss an den Austausch mit dem Fagottisten wendet sich der Dirigent wieder an das gesamte Orchester und spricht auf Französisch weiter.

Solche und ähnliche Ausprägungen von Mehrsprachigkeit werde ich in meine Präsentationen auf den Tagungen einbauen und im Anschluss zur Diskussion stellen. Ich erhoffe mir, dass ich einige interessante Inputs und konstruktive Feedbacks erhalte, die ich in meiner Analyse zur Mehrsprachigkeit einbauen kann.

Und hier endet heute auch schon mein Beitrag! Denn ich möchte nicht zuviel vorwegnehmen, sondern gerne nach den Tagungen genauer darüber berichten, wie meine Präsentationen gelaufen und beim Publikum angekommen sind und was ich für die Arbeit an meiner Dissertation mitgenommen habe. Also: stay tuned! 🙂

mm

Ich als Dirigentin

Am vergangenen Wochenende hatte ich die Möglichkeit, mich selbst als Dirigentin in einer Probe auszuprobieren. Die Probe fand mit Klarinetten und Saxophonen in einer Musikkapelle statt, bei der ich selbst bereits als Klarinettistin mitgewirkt habe. Ich habe also dieses Mal meinen Platz von hinten nach vorne gewechselt und die Probe aus dem Blickwinkel einer Kapellmeisterin bzw. Dirigentin heraus wahrgenommen. In diesem Blogbeitrag möchte ich berichten, wie es mir dabei ergangen ist und wie sich das Wissen, das ich als Forscherin über die Interaktion in (Orchester)Proben habe, dabei geäußert hat.

Zunächst muss ich festhalten, dass ich eigentlich kein Fan davon bin, mich als Dirigentin vorne hinzustellen und anderen zu sagen, wie sie zu spielen haben, sondern ich fühle mich wohler in der Rolle als Musikerin. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich Gefallen daran fand, meine Ideen und Interpretationen des jeweiligen Stücks den an der Probe beteiligten Musiker/innen mitzuteilen.

Dabei habe ich versucht, mit Kontrastpaaren zu arbeiten, so wie es auch die Dirigent/inn/en im Corpus zu meiner Dissertation machen. Nämlich habe ich meine präferierte und nicht präferierte Version einer bestimmten Stelle im Stück gegenübergestellt, um so den Unterschied zu verdeutlichen und näher an die bevorzugte Spielweise heranzukommen. Anders als die Dirigent/inn/en in meinem Corpus habe ich die beiden Versionen aber nicht vorgesungen, sondern mit meiner Klarinette, die ich dabei hatte, vorgespielt.

Außerdem habe ich sowohl verbal als auch body cues eingesetzt, um die Musik zu unterbrechen oder auch um sie wieder neu aufzunehmen. Um die Musik zu unterbrechen, habe ich verbal die Ausdrücke „ok“ und „stop“ eingesetzt, und gleichzeitig gestisch eine abwinkende Bewegung mit meiner rechten Hand gemacht. Um den Musiker/inn/en ein Zeichen dafür zu geben, dass sie nun wieder weiterspielen können, habe ich eingezählt und dabei gleichzeitig entweder geschnipst oder geklatscht.

Es lässt sich beobachten, dass solche verbal und body cues als Markierungen des Übergangs zwischen Spiel- und Besprechungsaktivitäten ziemlich einheitlich sind. Ich als Amateur- und Versuchsdirigentin setze ähnliche cues oder Zeichen ein, wie die Dirigent/inn/en in meinen Videos. Diese Zeichen sind fast schon universell verständlich, denn sie gleichen solchen, die auch in Alltagsgesprächen eingesetzt werden, vor allem um den Abschluss oder das Ende von etwas zu markieren (wie „ok“ oder „stop“). (Sie verhalten sich ähnlich wie Diskursmarker, siehe dazu den eigenen Beitrag.)

Das gilt auch für Gesten bzw. body cues. Ich habe diese Woche an einer Probe des Uniorchesters Salzburg teilgenommen, bei der die Dirigentin für die Unterbrechung der Musik wiederholt dieselbe Geste eingesetzt hat. Nämlich hat sie eine oder auch beide Hände mit den Handflächen nach vorne vor ihrer Brust oder vor ihrem Gesicht mit kleinen Bewegungen nach vorne und zurück bewegt. Die Geste gleicht der Stop-Geste, so wie sie auch Polizist/inn/en einsetzen, um ein Auto anzuhalten. Dieselbe Geste kommt in meinen Videos ebenfalls oft vor, sobald die Dirigent/inn/en die Musik zum Abbruch bringen möchten.

Es gibt also vielmehr Gemeinsamkeiten bei Dirigierenden, als man annehmen möchte. Es kamen nämlich auch in der Probe des Uniorchesters Kontrastpaare vor, und zwar entweder gesungen oder anhand von Erklärungen. Das zeigt, dass die Ergebnisse, die ich in meiner Dissertation erarbeite, nicht nur für Profi-Orchester relevant sind, sondern auch für Amateur-Orchester und Musikkapellen.

Und es hat sich für mich außerdem herausgestellt, dass ich durch die Arbeit an meiner Dissertation vielmehr in der konkreten Probensituation – sei es als Dirigentin oder als Musikerin – darüber nachdenke, was gerade geschieht und wie es passiert. Ich bin überzeugt, dass durch diese reflektierende und analysierende Perspektive heraus Proben sehr viel effizienter gestaltet werden können. Das war nämlich auch mein Ziel als Dirigentin in der Probe am vergangenen Wochenende.

mm

 

Diskursmarker in der Orchesterprobe – markieren sie, oder verwirren sie doch eher?

Von Cosenza in meinem letzten Blogbeitrag kehren wir heute wieder zurück in mein Büro in Salzburg. Wir widmen uns einem Thema, dem wir, wenn wir sprechen, eigentlich keine Aufmerksamkeit schenken, den sogenannten Diskursmarkern. Diskursmarker sind aber durchaus wichtig für die Strukturierung und die Organisation des Kommunikationsprozesses. Doch was genau versteht man unter diesem Terminus?

Diskursmarker haben keine wirkliche Semantik, sondern nur eine Funktion, nämlich jene, ein Gespräch zu steuern. Deutsche Diskursmarker sind z.B. „also“, „ähm“, „nur“, „und“, „aber“, „dann“, „weil“, „gut“, „genau“, usw. Wir verwenden diese Marker im Alltag ganz unbewusst, ohne darüber nachzudenken. Mit ihrer Hilfe beginnen wir ein Thema oder bringen ein Thema zu Ende, wir gewichten Argumente, verbinden Aussagen miteinander, präzisieren und korrigieren.

Auch Dirigent/innen verwenden solche Diskursmarker in Orchesterproben, um ihren Erklärungen und Anweisungen eine nachvollziehbare Struktur zu verleihen. Hier spielt auch der mehrsprachliche Charakter einer Orchesterprobe eine Rolle. In meinen Daten kann ich z.B. beobachten, dass in Orchesterproben von französischen Orchestern  Gastdirigenten Diskursmarker in Italienisch oder Englisch einsetzen, also nicht in der eigentlichen Arbeits- oder Heimatsprache des Orchesters. Das ist deshalb interessant, da die Dirigenten eigentlich auf Französisch erklären oder korrigieren, ihnen aber die Diskursmarker in für sie leichteren Sprachen fast schon herausrutschen. Französisch ist für diese Gastdirigenten nicht Muttersprache, Italienisch und Englisch sind aber wohl Sprachen, in denen sich die Dirigenten wohlfühlen und die ihnen vertrauter sind als das Französische.

So kann ein Satz eines Dirigenten z.B. lauten: „So, je pense le plus important […] c’est chanter.“ Der Dirigierende leitet hier einen französischen Satz mit einem englischen Diskursmarker (fettgedruckt) ein. Gleichzeitig zeigt er mit dem Marker an, dass er das vorher Erklärte abschließen möchte und davon ausgehend nun zu einer Schlussfolgerung gelangt. Dem Dirigenten fehlt hier das französische Wort „donc“, das mit dem englischen „so“ gleichgesetzt werden kann. Diesen gap (‚Lücke‘) schließt er mit einem englischen Wort, dessen Gebrauch in diesem Fall keinen Aufwand für ihn bedeutet. Durch den kurzen Ausflug ins Englische – wenn auch nur für ein Wort –  ist der Dirigent also in der Lage, einen gewissen Gesprächsfluss aufrecht zu erhalten und damit gleichzeitig wertvolle Probenzeit einzusparen.

Der Dirigent nimmt außerdem an, dass solche Diskursmarker in anderen Sprachen auch in den sprachlichen Repertoires der Musiker/innen vorkommen. Er geht von einem gemeinsam geteilten Wissen aus, in dem auch die korrekte Interpretation von Diskursmarkern (in Fremdsprachen, oder zumindest nicht in der Arbeitssprache des Orchesters) verankert ist. Diskursmarker, wie z.B. „yes“, werden auch eingesetzt, um die Musik zu unterbrechen. Die Musiker/innen sind durchaus in der Lage, solche Marker als Übergangssignale von der Musik in eine Unterbrechungsphase zu begreifen, denn sie hören in der Tat kurz danach auf zu spielen.

Hier kommt aber sicherlich auch der Gestik des Dirigenten eine bedeutende Rolle zu. Denn sobald ein/e Dirigierende/r möchte, dass die Musiker/innen aufhören sollen zu spielen, lässt er/sie die Hände nach unten sinken und bewegt den Dirigierstab/Taktstock nach unten. Deshalb könnte es durchaus sein, dass die Musiker/innen mehr die Gesten des/der Dirigierenden interpretieren und deuten, als die gleichzeitig geäußerten Diskursmarker.

Informieren Diskursmarker in anderen Sprachen die Musiker/innen in Orchesterproben also, oder verwirren sie sie doch eher? Was meint ihr, meine lieben Leserinnen und Leser? …

mm

P.S.: Ich wünsche allen meinen treuen Leserinnen und Lesern eine frohe und besinnliche Advents- und Weihnachtszeit! 🙂