Mehrsprachigkeit in Speisekarten – mit und ohne Übersetzung

Heute mal wieder ein Blogbeitrag zu einem Thema, das nichts mit meiner Dissertation zu tun hat, das allerdings treuen Leser/inne/n meines Blogs bereits bekannt sein dürfte. Es handelt sich um ein Thema, mit dem ich mich bereits seit Sommer letzten Jahres beschäftige, und zwar Mehrsprachigkeit Speisekarten. Im September 2019 habe ich auf einer Tagung zu Gastronomie und Önologie in Innsbruck einen Vortrag zur Mehrsprachigkeit in Südtiroler Speisekarten gehalten und mittlerweile auch einen Artikel dazu verfasst, der hoffentlich bald publiziert wird. Und nun beschäftige ich mich gemeinsam mit Eva Lavric von der Uni Innsbruck ein weiteres Mal mit dem Umgang mit unterschiedlichen Sprachen und Dialekten in Speisekarten. Dieses Mal allerdings nicht mehr ausschließlich auf Südtirol bezogen, sondern ausgeweitet auf Speisekarten im Rest von Italien, in Spanien, Frankreich, Deutschland und Österreich. Wir arbeiten mit einem ziemlich großen Corpus, aus dem wir mittlerweile schon Beispiele ausgesucht haben, die wir dann einer Analyse unterziehen. Wofür das Ganze? Für eine Tagung zur Mehrsprachigkeit ganz generell im Dezember 2020 in Zwickau, die schon im Juni diesen Jahres hätte stattfinden sollen und nun nochmals auf Juni 2021 verschoben wurde. Ich selbst werde an der Tagung dann nicht teilnehmen, da sie sich mit einem anderen Termin überschneidet. Allerdings wird bereits vor der Tagung ein Sammelband herausgegeben, für den Eva Lavric und ich einen Aufsatz zum Thema unseres Vortrags auf der Tagung (den dann Eva Lavric ohne mich halten wird) verfassen: „Mehrsprachigkeit in Speisekarten – mit und ohne Übersetzung“. In dem Beitrag wollen wir zum einen zeigen, wie in Speisekarten Speisebezeichnungen übersetzt werden, z.B. vom Deutschen ins Italienische und/oder Englische, und zum anderen, welche Sprachen in Speisebezeichnungen eingeswitcht werden, z.B. französische Termini wie „Crème brûlée“ in einem italienischen oder spanischen Speisenamen. Dabei geht es vor allem um zwei Fragen: Wie transparent sind solche Speisebezeichnungen? Und wie und wodurch (z.B. die Verwendung unterschiedlicher Sprachen, eines Dialekts oder spezifische Verweise, etwa auf einen Ort) werden Gerichte aufgewertet? In diesem Blogbeitrag möchte ich einige Beispiele aus dem Corpus für den Aufsatz auflisten und kurz besprechen.

Beginnen wir mit den Übersetzungen. Hier unterscheiden Eva Lavric und ich zwischen „treuen“ Übersetzungen, Kürzungen und Vereinfachungen, Hinzufügungen sowie traditionellen Gerichten. Als „treu“ könnte z.B. die Übersetzung der deutschen Speisebezeichnung „Hausgemachte Kamutbandnudeln / Datteltomaten / Babyspinat / Black Tiger Garnelen“ ins Italienische „Pappardelle al Kamut fatti a mano / datterini / spinacino / gamberi Black Tiger“ bezeichnet werden. Wobei, wenn man es ganz genau nimmt, dann handelt es sich beim Ausdruck „fatti a mano“ im Italienischen nicht um eine 1:1-Übersetzung des deutschen Ausdrucks „hausgemacht“, sondern um eine leichte Abwandlung (dt. „hausgemacht“ = it. „fatto in casa“). Daneben wird in Übersetzungen auch gerne gekürzt bzw. vereinfacht: So wird etwa dt. „Weißes Schokoladentürmchen“ zu ital. „Mousse di cioccolato bianco“. Die Art von Aufwertungsstrategie im Deutschen durch das Diminutiv „Türmchen“ entfällt im Italienischen und wird dort durch die einfache(re) Variante „Mousse“ ersetzt.

Im Gegensatz dazu werden bei Hinzufügungen in der italienischen und englischen Übersetzung mehr Informationen als in der deutschen Speisebezeichnung gegeben. Der deutsche Speisename „Wienerschnitzel vom Kalb mit Röstkartoffeln“ wird in der italienischen Bezeichnung durch „‚Wienerschnitzel‘ con patate saltate“ übernommen und mit dem Zusatz „cotoletta alla milanese di vitello“ ergänzt. Auch in der englischen Übersetzung wird der Name „Wienerschnitzel“ aus dem Deutschen übertragen und in Klammern durch „breaded veal cutlet“ erklärt. Das heißt, hier wird in den jeweiligen Übersetzungen erklärt, wie das Gericht zubereitet wird und damit dem Gast ein Bild davon gegeben, wie das Gericht sich dann vor ihm/ihr auf dem Teller präsentiert. Von jenen Gästen, die Deutsch sprechen, wird erwartet oder angenommen, dass sie wissen, wie ein Wienerschnitzel zubereitet wird. Der deutsche Speisename kommt ohne Erklärung aus, das Gericht wird als unter den deutschsprechenden Gästen als verbreitet und bekannt eingeschätzt.

Anders verhält es sich bei traditionellen Gerichten, die typisch für einen bestimmten Ort sind. Hier wird auch im Deutschen erklärt, wie das Gericht zubereitet wird, so etwa in „Hofstatt Alm’s Nudlpfandl“. Dieses Gericht wird sowohl in der deutschen als auch in der italienischen Version der Speisekarte mit den Ingredienzien angeführt: dt. „Tomaten, Zwiebel, Lauch, Bauernspeck, Kalbsragout, Pilze, Sahne“, it. „Pasta alla Malga Hofstatt: Pomodori, cipolla, porro, speck, ragout di vitello, funghi, panna“. Diese Bezeichnungen sind ein optimales Beispiel für Transparenz: Sowohl der deutsche als auch der italienische Gast kann nachvollziehen, wie das Gericht (hier: eine Spezialität des Hauses) aussieht bzw. aus welchen Ingredienzien es sich zusammensetzt.

Neben den Übersetzungen schauen Eva Lavric und ich uns in dem Artikel auch Codeswitching-Strategien an. Unter Codeswitching fallen Beispiele, in denen bekannte Internationalismen vorkommen, wie z.B. „Maccheroni“ in „Rammelstein Maccheroni“ oder „Crème brûlée“ in der Speisebezeichnung „Crème brûlée alla fava di Tonka“. Hierbei handelt es sich meistens um Zubereitungsarten bzw. deren Ergebnisse, die schon überall verbreitet sind, etwa „Crème brûlée“, oder auch „“Sauce“ oder „Risotto“. Daneben untersuchen wir Switches in Speisenamen in eine andere Sprache, da es in der Basissprache keine Entsprechung gibt. Zu solchen Switches kommt es beispielsweise durch die französischen Ausdrücke „purea“ (it., abgeleitet von purée) und „brioche“ in „Mattonella di fegato d’oca al tartufo nero, purea di mele golden, gelatina al porto e brioche tostata“; oder durch die japanischen Ausdrücke „Sushi“, „Nigiri“ und „Wasabi“ im Speisenamen „Sushi und Nigiri von der Gänseleber, mit Ingwer und Wasabi“. Zu finden sind auch Ausdrücke aus der indischen Küche, etwa „Tandoori“ (Tandoori Entenbrust), aus der spanischen Küche, etwa „Gazpacho“, oder auch aus der chinesischen Küche, etwa „Pak Choi“. In den Beispielen in unserem Corpus lässt sich vor allem ein Trend hin zu japanischen Ausdrücken feststellen.

Als weitere Unterkategorie von Codeswitching können Switches in eine andere Sprache aufgefasst werden, obwohl in der Ausgangssprache ein entsprechendes Wort vorhanden wäre. So findet sich z.B. in einer italienischen Speisekarte der Speisename „Cheese Cake – Pastiera“. „Cheese Cake“ könnte im Italienischen durch „Torta di ricotta“ übersetzt werden. Das Restaurant verzichtet hier allerdings auf eine Übersetzung in die Basissprache und verwendet den englischen Ausdruck als Strategie, um das Gericht aufzuwerten und es gegenüber anderen Gerichten in der eigenen Karte (oder auch in anderen Speisekarten) abzugrenzen. In deutschen Speisekarten wird gerne und oft die französische Bezeichnung „Consommé“ für dt. „Hühnerbrühe“ oder „Kraftbrühe“ verwendet. Französisch klingt hier wohl um einiges eleganter als Deutsch und wertet das Gericht als solches auf. Nicht zuletzt interessiert uns der Umgang mit regionalen Sprachen und Dialekten. Hier ist der Trend zu verzeichnen, dass einfache und banale Gerichte durch die Verwendung von dialektalen Ausdrücken aufgewertet werden. Allen voran im Spanischen, beispielsweise, wenn ein Gericht wie „Bohnen und Ei“ durch regionale Herkunft und regionalsprachliche Ausdrücke eine Aufwertung erfährt („Salteado de babatxikis y huevo Euskal Oiloa“). Aber auch in deutschen Speisekarten kommen solche Aufwertungsstrategien zum Einsatz, wenn z.B. von einer „Kasnocke“ oder von „Schlutzer“ die Rede ist.

Als erstes Fazit kann festgehalten werden, dass in den untersuchten Speisekarten vor allem ins Französische, Englische, Japanische und Italienische geswitcht wird. In den deutschen Speisekarten wird am meisten geswitcht, und zwar massiv ins Französische. Durch die Verwendung von französischen Fachausdrücken aus der Gastronomie werden Gerichte aufgewertet und bleiben auch transparent, da die meisten Begriffe aus der französischen Küche (etwa „Vinaigrette“, „Croûtons“) international verbreitet sind. Immer präsenter werden auch die Switches ins Englische, auch hier vermehrt in deutschen Speisekarten, allerdings sind englische Switches auch in italienischen Speisekarten auffällig. Englisch steht für Modernität und für Aufgeschlossenheit und wertet Gerichte durch Begriffe wie „Chips“, „Spare Ribs“ oder „Crumble“ auf.

Soviel zur Mehrsprachigkeit in Speisekarten. 🙂 Ich hoffe, ich konnte einen Einblick geben, wie mit unterschiedlichen Sprachen in Speisekarten umgegangen wird und was man daraus alles ablesen, einordnen und untersuchen kann. Vielleicht kann ich dem/r einen oder anderen Leser/in durch diesen Blogbeitrag auch Anstoß geben, fortan Speisekarten vielleicht mit anderen Augen zu betrachten, und zwar als – meist bemerkenswert akkurates – Produkt unseres immer stärker mehrsprachig werdenden Alltags…

mm

3 Kommentare zu „Mehrsprachigkeit in Speisekarten – mit und ohne Übersetzung

  1. Stimmt, ein sehr amüsantes Thema, wenn man darauf achtet. Mir fällt dazu auch das weite Feld der Untertitel ein. Ich sah mal eine deutsche Serie mit italienischen Untertiteln für meinen Mann, und mir fiel auf, dass es tatsächlich Königsberger Klopse gab, in den italienischen Untertiteln aber hieß: arrosto di maiale con crauti. Die Vereinfachung, statt einer Übersetzung ein beliebtes Klischee zu bedienen, wäre in einer Speisekarte natürlich nicht empfehlenswert. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anke,
      Vielen Dank für deine Kommentare! Wenn man im Alltag ein bisschen genauer hinschaut oder hinhört, fallen einem interessante sprachliche Besonderheiten auf. Ich habe erst am Wochenende wieder Speisekarten abfotografiert, da mir das eine oder andere auf sprachlicher Ebene aufgefallen ist, das ich vielleicht noch genauer unter die Lupe nehmen werde… 🙂 lg

      Gefällt 1 Person

      1. Viel Spaß bei der Auswertung! Ich habe zwar nicht Sprachen studiert, finde diese Themen aber auch unheimlich spannend, zumal ich seit zwanzig Jahren zweisprachig lebe und dreisprachig+ arbeite.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: