„Even shorter, ti ta ta ta ta to to to, ja?“

Heutiges Thema: Singen in der Orchesterprobe. Ein Thema, das sehr viel Raum in der Orchesterprobe einnimmt und deshalb in diesem Beitrag von mir besser unter die Lupe genommen wird. Alle Dirigierenden in meinem Datencorpus singen, einige weniger, andere mehr, einige in Unterbrechungen der Musik, andere auch simultan zur Musik.

Darum stellen sich mir gleich mehrere Fragen:

  1. Warum singen Dirigentinnen und Dirigenten in Orchesterproben?
  2. Welche Funktionen kann das Singen einnehmen?
  3. Wie singen die Dirigierenden bzw. welche Laute benutzen sie zum Singen?
  4. Kann zwischen einem Vorsingen und einem Nachsingen unterschieden werden?
  5. Wie reagieren die Musiker/innen auf das Singen?

Die Antwort auf die erste Frage möchte ich mir gerne bis zum Schluss des Beitrags aufsparen, denn sie ergibt sich aus den Ergebnissen der anderen Fragen. Also wird es zunächst um die Funktionen des Singens gehen. Dafür hier zwei Transkriptausschnitte aus einer Probe des Orchestre de Rouen:

Transkriptausschnitt 1
Transkriptausschnitt 2

In beiden Fällen hat der Dirigent Antony Hermus gerade die Musik unterbrochen, um eine Anmerkung zu einer bestimmten Stelle im Stück zu machen, auch in Verbindung mit Vorsingen. Im ersten Beispiel singt der Dirigent tagadagada, um die Stelle, die seiner Ansicht nach korrekturbedürftig ist, zu lokalisieren, ohne jedoch durch das Singen anzugeben, wie die Stelle nun genau gespielt werden soll. Im zweiten Beispiel hingegen verdeutlicht Antony Hermus durch sein Vorsingen, in welcher Art und Weise die von ihm ausgesuchte Stelle interpretiert werden soll. Er benutzt onomatopoetische Laute, wie jam pam pa oder tadadi tam, um das nachzuahmen, was die Musiker/innen spielen. Diese Laute könnten den Eindruck vermitteln, willkürlich durch den Dirigenten ausgewählt worden zu sein. Doch es steckt sehr viel mehr dahinter als man meinen möchte, nämlich zielt der Dirigent im zweiten Beispiel auf eine ganz bestimmte Artikulationsweise ab: very short martellato. Martellato ist in der Musik eine Artikulationsart, bei der die Noten gehämmert, d.h. kurz und kräftig gespielt werden sollen. Um diese Artikulation zu verdeutlichen, eignen sich die Laute pa(m) und ta(m) (oder auch ti), denn sie ermöglichen es, diesen Eindruck von kurz, hart und getrennt voneinander zu vermitteln. Der Dirigent gebraucht seine Stimme somit als eine Art Instrument, da er dadurch am nächsten an die Version der Musiker/innen herankommt.

Bei den anderen Dirigierenden in meinem Corpus kann außerdem beobachtet werden, dass sie die italienischen Tonsilben (do, re, mi, fa, sol, la, si) zum Singen einsetzen und dann auch die Notenfolge, so wie sie in der Partitur vorkommt, genauestens nachsingen.

Damit wären wir auch schon bei der vierten Frage, nämlich, ob zwischen einem Vor- und Nachsingen unterschieden werden kann. Dabei muss vorweg genommen werden, dass das Singen in der Orchesterprobe auch noch eine dritte Funktion haben kann: Kontraste aufzeigen. Falls die Dirigierenden das Singen verwenden, um Vergleiche zwischen zwei unterschiedlichen Versionen der ein- und derselben Stelle anzustellen, kann zwischen einem Vorsingen und einem Nachsingen unterschieden werden. Hierzu noch ein dritter Transkriptauszug aus derselben Probe wie die beiden anderen Auszüge:

Transkriptausschnitt 3

In diesem Beispiel macht der Dirigent durch den Ausdruck vous faites (ihr macht) in Z. 38 klar, dass in dem, was nun folgen wird, die soeben gespielte Version der Musiker/innen nachgeahmt bzw. nachgesungen wird. In Z. 39 hingegen trägt der Dirigent seine bevorzugte Version derselben Stelle vor, eingeleitet durch den hedge (eine Art Abmilderung) c’est possible de essayer une fois (ist es möglich, einmal zu probieren). Er verwendet teils dieselben, teils unterschiedliche Silben zum Singen. Dadurch drückt er implizit auch aus, dass das, was die Musiker/innen soeben dargeboten haben, nicht grundsätzlich falsch war, sondern dass es einfach nur verbesserungsfähig ist und noch besser klingen kann.

Auf diesen Kontrast reagiert sodann der Konzertmeister des Orchesters (nicht im Transkriptauszug), indem er eine Version darbietet, die seiner Ansicht nach der des Dirigenten am nächsten kommt. Im Folgenden kommt es zu einer verbalen Aushandlung zwischen Konzertmeister und Dirigent, wie die Stelle nun am besten gespielt werden soll, da sie u.a. auch mit der Bogenführung für die Streichinstrumente zusammenhängt. Mit der Aufforderung des Dirigenten an das gesamte Orchester, die Stelle mit der vorgeschlagenen Bogenführung des Konzertmeisters zu spielen, kommt die Diskussion zu einem Abschluss. Hier reagiert also ein einzelner Musiker, nämlich der Konzertmeister, auf das Vorsingen des Dirigenten. Solche Einzelreaktionen kommen äußerst selten vor, vor allem in den Proben des Orchestre de Rouen. Vielmehr sind es alle Musiker/innen gemeinsam, die als Kollektiv musikalisch auf die Anweisungen, Korrekturen und Erklärungen der Dirigierenden antworten. So imitieren bzw. ahmen sie den/die Dirigierende/n auch in einer gewissen Art und Weise nach, sie legen also ihre Schicht auf die Schicht des/der Dirigent/in. Diese sog. Schichtüberlagerung setzt sich so lange fort, bis die Stelle in den Ohren des/der Dirigierenden akzeptabel und interpretationsmäßig korrekt erklingt.

Warum singen Dirigierende also in Orchesterproben? Sie singen, weil das Singen für sie eine Art Ersatzhandlung für das Spielen eines Instruments darbietet und sie so am besten ihre musikalischen Ideen den Musiker/innen näher bringen können. Teilweise fehlen den Dirigent/innen auch die sprachlichen Kompetenzen, um das, was sie gerne hören möchten, in Worte zu fassen, deshalb kommt ihnen das Singen genau zu Gute und kann schon fast als eigene Sprache in der Orchesterprobe bezeichnet werden…ganz im Sinne von tadadadi da dam pam pam…

mm

2 Kommentare zu „„Even shorter, ti ta ta ta ta to to to, ja?“

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