Tür zu, Licht an! – Raum als interaktive Ressource

Dieser Beitrag widmet sich dem Raum bzw. dem Proberaum, in dem eine Orchesterprobe stattfindet und sich die Interaktion zwischen Dirigent/in und Musiker/innen abspielt. Ich gehe dabei von der Ansicht aus, dass Interaktion stets raumgebunden und ein durch Raum strukturiertes soziales Unternehmen ist. Das bedeutet, dass sich räumliche Bedingungen, die Verteilung/Position der Interaktionsteilnehmer/innen und die Raumnutzung auf den Austausch zwischen Dirigierendem/r und Musiker/innen auswirken können.

Betrachten wir die räumlichen Bedingungen in einer Orchesterprobe, so fällt auf, dass der Raum bereits für Probezwecke hergerichtet ist. Die Stühle und Notenpulte der Musiker/innen sind in einem Halbkreis mit Blick nach vorne, zum Dirigent/innenpult, ausgerichtet. Auch das Pult des/der Dirigierenden befindet sich bereits im Raum. Dieses steht meist auf einem kleinen Podest, sodass der/die Dirigent/in in erhöhter Position dastehen (oder auch sitzen) kann. Dadurch hat der/die Dirigierende alle Musiker/innen im Blick und umgekehrt können auch die Musiker/innen den/die Dirigent/in besser sehen. Es werden also bereits vor Beginn einer Probe Voraussetzungen und auch Konsequenzen für eine anstehende Interaktion geschaffen. Konsequenzen sind hier in dem Sinne zu verstehen, dass der/die Dirigent/in in dieser One-face-to-many-faces Konstellation die zentrale Person darstellt, an der sich die Musiker/innen orientieren. In anderen Worten: der/die Dirigierende stellt den Bezugspunkt für die Wahrnehmung und das Verhalten der Musiker/innen dar, er/sie dominiert – physisch und interaktionell – das Probegeschehen.

Die Herrichtung des Proberaums wirkt sich also unweigerlich auf die Interaktion aus, die sich asymmetrisch zwischen Dirigierendem/r und Musiker/innen abspielt. Diese Asymmetrie ist den Musiker/innen auch durchaus bewusst, wenn sie im Proberaum Platz nehmen, sich einspielen und auf das Eintreffen des/der Dirigent/in warten. Sobald sich alle im Raum befinden und die Tür schließt, sind alle Interaktionsteilnehmer/innen gemeinsam vergesellschaftet und drücken durch ihre Anwesenheit aus, sich bereit für anstehende Arbeit zu fühlen: eine soziale Situation ist hergestellt. Diese soziale Situation weist im Fall der Orchesterprobe klare räumliche Konturen auf, es handelt sich aber dennoch um eine dynamische Konstellation, die sich durch Bewegungen jeglicher Art (Aufstehen, Gehen, Drehen, Bücken, usw.) verändern kann.

Der/die Dirigierende kann den Musiker/innen z.B. frontal zugewandt sein, d.h. Unter- und Oberkörper, sowie Kopf befinden sich in einer Linie mit dem Dirigierpult, das vor ihm/ihr steht. In dieser Position spricht der/die Dirigent/in das gesamte Orchester an und dreht dabei auch ab und an seinen/ihren Kopf, um alle Musiker/innen im Blick zu haben bzw. die Aufmerksamkeit aller Anwesenden zu bündeln. Es kann aber auch vorkommen, dass sich der/die Dirigierende einer bestimmten Instrumentengruppe zuwendet und sich entweder mit dem ganzen Körper oder auch nur mit Oberkörper oder Kopf dorthin ausrichtet. So kann er/sie z.B. Oberkörper und Kopf nach links eindrehen, um Anweisungen an die Violinist/innen zu geben, die Füße bzw. der Unterkörper weisen jedoch immer noch frontal nach vorne. Das kann z.B. bedeuten, dass der/die Dirigierende nun kurz mit den Violinen beschäftigt ist, seine/ihre grundlegende und standhafte Körperpositur aber immer noch auf das gesamte Orchester orientiert ist. Diese Körperdrehung spiegelt das Zusammenspiel zwischen temporär eingesetzter und dominanter Orientierung wider. In anderen Worten: Die Aufmerksamkeit der Musiker/innen, die gerade nicht angesprochen sind, sollte im besten Fall hochgehalten werden, es könnte ja sein, dass die Anweisung an die Violinist/innen auch für andere Instrumentengruppen bedeutend sein könnte.

Der/die Dirigierende kann diese ‚home position‘ aber durchaus auch verlassen, indem er/sie direkt zu den Musiker/innen hingeht. Während Proben kommt es manchmal vor, dass der/die Dirigent/in sich zu bestimmten Musiker/innen hinbewegt, um sich z.B. die Noten auf ihren Pulten anzusehen, oder auch um seine/ihre Partitur mit ihren Noten abzugleichen. In diesen Momenten verändert sich die Interaktionssituation: der/die Dirigierende kann in eine One-face-to-one-face Situation mit einem/r Musiker/in treten. Solche Fälle treten in Proben nicht oft auf, sie zeigen aber, dass der/die Dirigierende auch in den Raum der Musiker/innen eintreten kann – umgekehrt ist es für die Musizierenden nicht möglich, während der Probe aufzustehen und sich neben dem Dirigierpult zu positionieren. Das spricht für die Dominanz des/der Dirigierenden, der/die das Recht hat, sich uneingeschränkt im Raum zu bewegen. Die Musiker/innen hingegen können sich während der Probe in ihrer sitzenden Position nicht groß bewegen, sie können allenfalls den Oberkörper/Kopf drehen. Eine Ausnahme gilt für die Schlagzeuger/innen, die während eines Stücks auch zwischen unterschiedlichen Schlaginstrumenten wechseln müssen und daher in dem dafür vorgesehenen Raum ihre Position verändern. Außerdem kann es auch vorkommen, dass der/die Konzertmeister/in aufsteht, um in eine face-to-face Kommunikation mit dem/der Dirigierenden zu wechseln. Dies unterstreicht seine/ihre Vorrangstellung gegenüber den anderen Musiker/innen.

Diejenigen, die also sprichwörtlich den Ton angeben in der Orchesterprobe, haben auch das Recht, sich im Raum mehr oder weniger frei zu bewegen und das Interaktionsgeschehen durch diese Bewegungen dynamisch mit- und umzugestalten. Raum dient als interaktive Ressource während der Probe und zwar so lange, bis die Tür wieder auf und das Licht wieder ausgeht…

mm

 

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