Liège – oder das verregnete Abenteuer (Teil 2)

3. Probetag

Nach zwei spannenden ersten beiden Probetagen, stand nun der 3. Probetag bevor. Und wie wäre es für Liège anders zu erwarten…es regnete wieder und der Wind machte das Wetter noch unangenehmer. Da wir jedoch den ganzen Tag in der Philharmonie verbringen würden, spielte das Wetter nur beim morgendlichen Spaziergang dorthin eine Rolle. Der Fokus lag auf der Probenarbeit des OPRL und auf der Tatsache, dass an diesem 3. Probetag auch die beiden Solisten dabei sein würden, die in Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ den gesanglichen Part übernahmen. Die Sopranistin und der Bassist positionierten sich für die Probe links und rechts vom Dirigenten und drehten sich vorerst zu den Musiker/innen hin. Während der Probe tauschte sich der Dirigent vorwiegend mit dem Solisten/der Solistin aus: mit dem Solisten (Muttersprache: Russisch) sprach Christian Arming Englisch, mit der Solistin (Muttersprache: Deutsch) kommunizierte er auf Deutsch. Außerdem holte sich der Dirigent laufend Feedback von einem anderen Dirigenten ein, der im Publikumsraum saß, sich Notizen zu bestimmten Stellen im Stück machte und vor allem auf die Balance zwischen Orchester und Solist/in achtete. Dadurch verschob sich die (sonst gewohnte) Interaktionssituation: der Dirigent interagierte nicht nur mit den Musiker/innen, sondern auch mit drei weiteren Personen, die in die Probenarbeit mit involviert waren. Inwiefern ich diese Tatsache mit in meine Analysearbeit einfließen lassen möchte, bleibt noch offen und hängt auch damit zusammen, was und wer auf den Aufnahmen zu hören/verstehen ist. Trotzdem könnte es interessant sein, räumliche Bedingungen, die Raumnutzung und die Verteilung/Position der Interaktionsteilnehmer/innen genauer zu beobachten und daraus Schlüsse für die Kommunikation zu ziehen. Doch darauf möchte ich in einem meiner folgenden Blog-Beiträge eingehen.

Welche Erkenntnisse konnte ich an diesem dritten Probetag noch ziehen? Zum einen fiel auf, dass der Dirigent an diesem Tag – und auch insgesamt – sehr, sehr viele Anweisungen zur Dynamik und zum Zusammenspiel gab. Das deutet darauf hin, dass er großen Wert auf einen ausgeglichenen Klang legt – eine These, die durch die Ratschläge des zweiten Dirigenten während der Probe außerdem verstärkt wurde. (In einem persönlichen Gespräch nach der Probe verriet mir Christian Arming, dass ihm tatsächlich viel an Balance und Ausgeglichenheit zwischen den einzelnen Stimmen liegt.) Zum anderen beherrschten viele Vergleiche mit anderen Spielweisen, wie z.B. mit dem „style viennois“, wie ihn der Dirigent nannte, die Probenarbeit. Hiermit wollte der Dirigierende eine Parallele zur Spielweise der Wiener Philharmoniker ziehen und v.a. die Streicher/innen animieren, eine bestimmte Stelle im Werk durch einen leichten Spielcharakter à la viennoise zu unterstreichen. An dieser Stelle während der Probe tauchte für mich die Frage auf, ob alle Musiker/innen – bzw. v.a. die Streicher/innen – verstanden, was der Dirigent damit meinte. Denn meiner Ansicht nach dürfte es nicht einfach sein, eine Spielweise nachzuahmen, die vielleicht wenig bekannt ist oder mit der eine intensivere Auseinandersetzung fehlt. Um diese Frage beantworten zu können, müsste ich jedoch über die Methode der Konversationsanalyse hinausgehen und mit ethnografischen Aufzeichnungen, wie z.B. Interviews arbeiten. Es wäre sicherlich interessant von den Musiker/innen persönlich zu erfahren, ob Intersubjektivität in diesem Fall erreicht wurde. Andererseits bleibt es so für mich spannend, Intersubjektivität an anderen Faktoren festzumachen, die ich in meinen Aufnahmen (hoffentlich!) finde.

Und mein persönliches Fazit zu Liège? Ich verbinde meinen Aufenthalt in Liège mit vielen neuen Eindrücken und Erkenntnissen, die mich in der Arbeit an meinem Dissertationsprojekt voranbringen. Fast jeden Tag fielen mir neue, interessante Dinge, Elemente und Phänomene auf, die ich nun in einen Vergleich zu meinen bereits getätigten Aufnahmen in anderen Orchestern stellen kann. Insgesamt war es ein sehr gelungener und erfolgreicher Ausflug nach Belgien – auch wenn die Wetterverhältnisse alles andere als gut waren und die belgische Kulinarik nicht unbedingt meinen Geschmack getroffen hat.

…Vielleicht sollte ich aber nächstes Mal – falls ich nochmals nach Liège reisen sollte – doch noch die Boulets à la liègeoise (= Fleischklopse in einer süß-sauren Sauce) kosten, um mich von der belgischen Küche begeistern zu lassen… 🙂

mm

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