Liège – oder das verregnete Abenteuer (Teil 1)

Vom 06. März bis zum 10. März hatte ich die Möglichkeit, das Corpus für meine Dissertation durch Video- und Audioaufnahmen in den Proben des Orchestre Philharmonique Royal de Liège (kurz: OPRL) in Belgien zu erweitern. Der österreichische Dirigent Christian Arming, den ich als Gastdirigent beim Haydn Orchester Bozen im November 2016 kennenlernen durfte, lud mich nach Liège ein, wo er als Chefdirigent fungiert. In diesem Blogbeitrag möchte ich über den Feldzugang beim OPRL, über meine Aufnahmen und Beobachtungen, sowie über meinen Aufenthalt in Liège ganz allgemein berichten. Es handelt sich demnach um einen Erfahrungsbericht, der aus einer Mischung aus ethnografischen, gesprächsanalytischen und persönlichen Bereicherungen besteht.

1. Probetag

Der Aufenthalt in Liège war geprägt von regnerischem und windigem Wetter, so auch der erste Tag, an dem wir* bei Proben mit dabei sein durften. Die erste Hürde bestand deshalb bereits darin, die Ausrüstung (Stative, Videokameras, Mikrofon, Aufnahmegerät, usw.) trocken und sicher zur Philharmonie zu bringen. Dort angekommen, wurden wir vom Regisseur principal willkommen geheißen und sodann in den Konzertsaal geführt, wo sich einige MusikerInnen bereits für die Probe einspielten. Wir durften uns aussuchen, wo wir die Kameras platzieren, jedoch unter der Berücksichtigung weder die MusikerInnen zu behindern noch ihnen im Weg zu stehen. Für mich war es außerdem wichtig, dass die Kameras so aufgestellt wurden, dass sie nicht invasiv in das Forschungsfeld eingriffen, denn ich wollte am Ende ja (weitestgehend) natürliche, authentische Daten erhalten. Aus meiner Erfahrung mit anderen Orchestern war schnell klar, wo die Kameras stehen sollten: eine Kamera neben den Schlagzeugern und hinter den Kontrabässen auf den Dirigenten ausgerichtet, die andere Kamera im Zuschauerraum mit Fokus auf die MusikerInnen. Zusätzlich deponierte ich auf einem Notenpult neben dem Dirigierpult ein Mikrofon, das den Ton direkt in die „Dirigenten-Kamera“ speiste, sowie ein zusätzliches Aufnahmegerät, sollte zu irgendeinem Zeitpunkt während der Probe das Mikrofon streiken oder aussetzen. Während des Kameraaufbaus wurden wir immer wieder von MusikerInnen ein wenig skeptisch beobachtet, auch wenn sie bereits im Vorfeld über mein Projekt und die Anwesenheit von Kameras informiert wurden. Bevor die Probe startete, stellte mich ein Verantwortlicher des Orchesters noch kurz vor und äußerte auch ein paar Worte über mein Vorhaben. Dann war es endlich soweit: Kamera an und Aufnahme los! In dieser ersten Probe wurden die beiden aufzuführenden Werke (Mahler: 10. Symphonie, Adagio; Bartók: Herzog Blaubarts Burg) größtenteils „nur“ gelesen, d.h. der Dirigent ließ die MusikerInnen sehr viel spielen und korrigierte wenig. Für mich und meine Forschung war dieser erste Probetag nicht sehr interessant, in einer Rücksprache mit dem Dirigenten versicherte mir dieser aber, dass der zweite und dritte Probetag anders ablaufen würden bzw. mehr gesprochen und korrigiert würde. Eine Erkenntnis konnte ich am Ende des ersten Tages dennoch erlangen: jede/r Dirigierende hat seine/ihre eigene Vorgehensweise in der Probengestaltung. Während der/die eine Dirigierende bereits in der ersten Probe schnell ins Detail geht und sehr viel kommentiert, lassen andere Dirigierende das Orchester mehr spielen und beginnen in der zweiten Probe mit der eigentlichen Arbeit an den Werken.

2. Probetag

Der zweite Tag begann wiederum mit Regen und Wind. Ungetrübt von den Wetterverhältnissen starteten wir optimistisch zur Probe des OPRL. Und nicht ohne Grund, denn das Versprechen des Dirigenten vom vorigen Tag sollte sich nun bewahrheiten: die Probe lief ganz anders ab, der Dirigent kommentierte, korrigierte, instruierte viel und lieferte mir dadurch sehr wertvolles Datenmaterial für mein Projekt. Sehr bald stellte sich heraus, dass ich hier vor allem unter dem Gesichtspunkt der Mehrsprachigkeit einen Joker gezogen hatte, denn Christian Arming versteht es wie kein/e andere/r – wenn auch größtenteils unbewusst – laufend zwischen unterschiedlichen Sprachen (Französisch, Englisch, Italienisch, Deutsch) zu switchen und diese auch untereinander zu mixen. Ein sehr schönes Beispiel war das Wort „development“, bei dem er den ersten Wortteil („develop“) Englisch und den zweiten Wortteil („-ment“) mit französischem Nasallaut aussprach. Auffallend war außerdem, dass der Dirigent Französisch sprach, wenn er in der Partitur bestimmte Stellen lokalisierte (z.B. „mesure quatre-vingt-un“), er aber auf Englisch wechselte, wenn er ausführlichere Anweisungen gab. Deutsch sprach er mit MusikerInnen, von denen er wusste, dass sie Deutsch nicht nur rezeptiv, sondern auch produktiv beherrschten. Außerdem zählte er leise auf Deutsch, wenn er eine bestimmte Stelle im Stück für sich selbst suchte, bevor er sie den MusikerInnen auf Französisch mitteilte. Italienische Ausdrücke kamen immer dann zum Einsatz, wenn es um Dynamik („forte“, „piano“), Töne („do“, „re“, „mi“, usw.) und Spielweise („più mosso“) ging. Überdies fand ich spannend zu sehen, wie Christian Arming während der Probe immer wieder versuchte, seine Französischkenntnisse durch die Frage „Comment on dit…?“ (= „Wie sagt man…?“) zu verbessern. Vor allem die MusikerInnen in den vorderen Reihen halfen ihm hier weiter und riefen ihm leise das gesuchte Wort zu. Der Dirigent unternahm mit den neu gelernten Worten im Anschluss immer wieder Versuche, diese in seine Korrekturen einzubringen, so z.B. mit dem Wort „insister“ (= „nicht nachgeben“) in einem Satz wie „you insistez“ – ein klarer Fall von Code switching bzw. mixing. Nach diesen erfolgreichen Aufnahmen am zweiten Probetag spielte am Nachmittag sogar das Wetter mit und die Sonne zeigte sich (endlich!!), sodass wir ein wenig im Zentrum von Liège bummeln und die Stadt besser erkunden konnten.

Und wie lief die Probe am 3. Tag ab? Die Antwort auf diese Frage, mein persönliches Fazit zu den Proben des OPRL und auch zu Liège gibt es in meinem nächsten Blog-Beitrag zu lesen. Bis dahin schließe ich mit einem Zitat von Angelo Branduardi: Musik ist die beste Art der Kommunikation…

mm

*Alexander Oberlechner unterstützte mich tatkräftig bei den Aufnahmen.

 

 

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