Analysieren und interpretieren

…höchste Zeit für einen neuen Blog-Beitrag!! Im heutigen Beitrag soll die Analyse eines Transkriptausschnittes im Mittelpunkt stehen. Der Ausschnitt stammt aus einer Probe des Haydn Orchesters Bozen mit dem Dirigenten Arvo Volmer. In dem Ausschnitt wird das Concerto Nr. 1 in do minore von Šostakovič geprobt. Die beiden Sprechenden – Dirigent und der Konzertmeister – diskutieren bzw. handeln aus, wie eine bestimmte Stelle im Stück von den Violinen gespielt werden soll:

transkript-volmer
Auszug Transkript (Transkriptionskonventionen)

Konkreter geht es darum, ob eine Abfolge von Tönen (Z. 00 und Z. 01) auf der Violine mit einem Bogenschwung gespielt werden kann, ohne dass dabei der Frosch (Z. 02 „frog“ = hölzerner Griff am Ende des Bogens) berührt wird. Durch das einleitende „ha?“ (Z. 00) des Dirigenten appelliert er an das Wissen, das er mit dem Konzertmeister teilt, d.h. er geht davon aus, dass der Konzertmeister weiß, wovon er spricht. Im Folgenden beschreibt und macht der Dirigierende die Stelle im Werk vor, um die es geht und bringt dadurch seine Vorstellungen dazu ein. Durch die Minimierungsstrategien „only“ (Z. 00) und „maybe“ (Z. 00, 01) markiert er gleichzeitig eine gewisse Unsicherheit: er ist sich nicht sicher, ob seine Idee die richtige ist oder nicht. Der Konzertmeister bestätigt das gemeinsame Wissen um die Stelle, indem er die Stelle nachpfeift und dann auch nachspielt (Z. 04, 05, 08). Der Dirigent ist aber auch nach diesem Vormachen immer noch nicht zufrieden, wie seine eher indifferente Stellungnahme (Z. 10) demonstriert.

Der Ausschnitt macht deutlich, dass während der Proben das Rederecht nicht nur auf den/die Dirigierende/n konzentriert ist, sondern dass auch Musiker/innen – allen voran der/die Konzertmeister/in – Redebeiträge (z.B. Vorschläge) einbringen können. In unserem Beispiel nimmt sich der Konzertmeister sogar das Recht, den Dirigenten mit seinem Spielen auf der Violine zu unterbrechen (Z. 08), obwohl dieser noch mitten in einem Redebeitrag steckt. Der Dirigent lässt sich an dieser Stelle auch unterbrechen, in Z. 14 hingegen spricht er während des Spielens des Konzertmeisters (Z. 15) weiter und lässt sich davon nicht beeinflussen. Die Einwürfe des Konzertmeisters zeigen seine Responsivität auf, bzw. seine Bereitschaft, auf Kommunikationssignale des Dirigenten einzugehen. Der Dirigierende jedoch zeigt diese Bereitschaft nicht, er übergeht die Beiträge des Konzertmeisters und verneint außerdem noch dessen Vorschläge (Z. 16).

Der Konzertmeister versucht den Dirigenten zu verstehen und fasst im Anschluss (Z. 18) nochmals verbal – anhand einer Paraphrase – die Anweisungen/Vorschläge des Dirigenten zu der musikalischen Stelle zusammen. Nach zweimaligem Vorspielen ist diese Zusammenfassung nicht zwingend nötig, aber sie spiegelt wider, dass Beschreiben einen höheren Stellenwert hat als Vormachen und zu einer Verständnissicherung besser beitragen kann. Dies unterstreicht außerdem die konditionale Frage des Dirigenten „IF that works“ (Z. 19), die ebenfalls nicht notwendig gewesen wäre, da die Stelle bereits vorher ausführlich und in unterschiedlichen Modalitäten (pfeifen, singen, vorspielen) diskutiert wurde.

In Z. 21 bringt der Dirigent die Aushandlung zu einem vorläufigen Abschluss, indem er sich auf eine höhere Instanz bezieht, ausgedrückt in dem „as it has to“. Wer dieses „as it has to“ bestimmt, wird hier nicht klar, es könnte sich aber auch um einen Wunsch bzw. eine Vorstellung des Dirigenten handeln, wie die Stelle gespielt werden und klingen sollte. In Z. 22 kommuniziert der Konzertmeister die Ratifizierung des Dirigenten an alle Violinen und zeigt dadurch an, dass er die Ratschläge des Dirigenten angenommen und verstanden hat bzw. dass diese auch umsetzbar sind.

Durch die Transitionsmarkierung „okay“ (Z. 24) markiert der Dirigierende eine neue Sequenz, d.h. er leitet das Spielen der Musiker/innen ein. Nun ist der Punkt gekommen, an dem die Musiker/innen bzw. die Violinist/innen zeigen können, ob sie in der Lage sind, das umzusetzen, was soeben zur Diskussion stand. Die Ambiguität zwischen Verstehen und Können, die die gesamte Aushandlung zwischen Dirigierendem und Konzertmeister dominiert hat, kann nun aufgehoben und der Fokus im Folgenden auf eine andere musikalische Stelle gelegt werden.

mm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: