„C’est piano, no?“ – Besuch des Haydn Orchesters Bozen

…genau heute vor einem Monat, am 14. November, fand im Rahmen meiner Lehrveranstaltung „Mit Worten und Tönen, mit Händen und Füßen: der Dirigent in der Orchesterprobe. Transkribieren, analysieren, interpretieren.“ an der Uni Innsbruck eine Exkursion nach Bozen statt, bei der Studierende die Möglichkeit hatten, eine Orchesterprobe des Haydn Orchesters Bozen zu hören und zu sehen. In diesem Blogbeitrag möchte ich über diese Exkursion und die Erkenntnisse, die ich und meine Studierenden daraus gewonnen haben, berichten.

Der Dirigent/die Dirigentin mit seinen/ihren Instruktionen, Erklärungen, Evaluationen und Korrekturen, die er/sie sowohl verbal als auch nonverbal in der Orchesterprobe anbringt, stehen im Mittelpunkt meiner Lehrveranstaltung. Im Vorfeld der Exkursion beschäftigten sich die Studierenden bereits intensiv mit dem Ablauf einer Orchesterprobe, der Rolle des/der Dirigierenden in der Probe, sowie den sprachlichen Besonderheiten und den gestischen Mitteln, die der Dirigent/die Dirigentin anwendet, um den MusikerInnen seine/ihre Vorstellung des musikalischen Werks zu vermitteln.

Da es aber doch einen Unterschied zwischen theoretischen Inputs und praktischem Miterleben gibt, war es umso erfreulicher, dass wir dank der Bereitschaft des Haydn Orchesters Bozen und vor allem der Unterstützung durch die Direktorin Valeria Told,  an einer Orchesterprobe mit all ihren Facetten teilnehmen durften. Wir, die Exkursionsgruppe, wurden sehr herzlich von den OrchestermusikerInnen und dem Gastdirigenten Christian Arming aufgenommen. Außerdem bestand die Möglichkeit, an den Dirigenten Fragen zu stellen und mit einigen MusikerInnen über die Probe zu sprechen. Die live-Situation gestattete es, direkt in das Geschehen einzutauchen, Neues und teilweise auch Überraschendes zu sehen/hören, und Details wahrzunehmen, die die Interaktion zwischen Dirigierendem und MusikerInnen formen und prägen.

Besonders interessant bzw. auffallend war der mehrsprachige Charakter der Orchesterprobe. Der Dirigent Christian Arming wechselte ständig zwischen verschiedenen Sprachen, auch in ein und demselben Satz, wie bereits im Titel dieses Beitrags („C’est piano, no?“ – Französisch und Italienisch) ersichtlich ist. In anderen Aussagen mixte er sogar drei verschiedene Sprachen:

  • „Somebody is late avec la terzina.“ (Englisch, Französisch, Italienisch)
  • „Und die Hörner, corni, what do you have in quaranta?“ (Deutsch, Italienisch, Englisch)

Hinsichtlich Sprachverwendung war außerdem beobachtbar, dass sich der Dirigent mit dem Konzertmeister immer auf Französisch austauschte. Für mich und meine Studierenden war zunächst nicht klar, warum dieser Switch stattfand. Erst nach Rückfrage erfuhren wir, dass der Konzertmeister aus Montréal (Kanada, frankophon) stammt und Christian Arming Chefdirigent in Liège (Belgien, frankophon) ist. Deshalb bot es sich an, die face-to-face Interaktion in Französisch abzuwickeln.

Während dieser Probe des Haydn Orchesters bestätigte sich einmal mehr, dass Mehrsprachigkeit eine wichtige Rolle im Kontext der Orchesterprobe spielt. Es kommen nämlich Akteure mit unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen zusammen, deshalb müssen ein oder auch mehrere gemeinsame Codes gefunden werden.

Zudem war es schön zu sehen, wie und vor allem wie oft sich der Dirigent sog. embodied technical advices (siehe Blogbeitrag „Gestik und Multimodalität II„) während der Probe zu Nutze machte. Er verwendete sehr oft multimodale Elemente (wie z.B. Gestik, Körperbewegungen, Gesang, Blicke, usw.) für Anweisungen und Korrekturen zum Spielen der MusikerInnen. Um etwa den Violinen zu verstehen zu geben, dass sie lauter spielen sollen, unterstützte der Dirigent die verbale Aussage „L’inizio del trill non si sente“ durch das Nachahmen einer Geige. Hierfür hielt er seinen linken Arm in einer Position als ob er eine Geige halten würde und strich mit dem Taktstock in der rechten Hand über imaginäre Saiten, so als ob er Töne auf einer Geige erzeugen würde. Außerdem griff er sich an sein Ohr, um zu signalisieren, dass die angebrachte Korrektur mit Lautstärke bzw. mit Hören zu tun hat.

An diesem Beispiel wird ersichtlich, dass die Orchesterprobe ein Beispiel des sog. Sprechens neben Handeln ist, wo in einer Interaktionssituation nicht das Sprechen im eigentlichen Zentrum steht, sondern eine gemeinsam betriebene Aktivität, die durch das Sprechen kommentiert, strukturiert und/oder gemanagt wird.

Teil unserer Exkursion war außerdem ein Vortrag von Daniela Veronesi an der Freien Universität Bozen, die ihre Forschung zu Korrekturen und Reparaturen des/der Dirigierenden in Ensemble-Workshops präsentierte und auch einen Einblick in sowie eine Arbeit an ihrem Videodatenmaterial ermöglichte.

Alles in allem war es eine sehr gelungene Exkursion, die nicht nur für mich und die Arbeit an meiner Dissertation neue Erkenntnisse einbrachte, sondern auch zum Verständnis der Studierenden über die Inhalte, die wir in der Lehrveranstaltung behandeln, beitrug.

mm

P.S.: Eine verkürzte Version des Exkursionsberichts kann unter folgendem Link aufgerufen werden: Besuch des Haydn Orchesters Bozen im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Uni Innsbruck

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