Der Ton macht die Musik – Höflichkeit in der Orchesterprobe

„C’est possible le bass un peu plus, et pour les trombones moins?“ – solche und ähnliche Äußerungen stellen die Absicht des/der Dirigent/in dar, gegenüber den Orchestermusiker/innen in der Probe höflich zu sein und dabei sowohl sein eigenes als auch das face der Musiker/innen zu wahren. Das face oder das „Gesicht“ hat immer zwei Aspekte: das „positive“ und das „negative“. Das positive Gesicht betrifft die Werte, nach denen ein Individuum strebt, um in der Öffentlichkeit wert geschätzt zu werden und es bezieht sich auch auf den Wunsch, dass die eigenen Bedürfnisse von anderen geteilt werden. Das negative face hingegen steht in Zusammenhang mit den grundlegenden Persönlichkeitsrechten eines Individuums, darunter befinden sich seine persönliche Sphäre und seine Freiheit.

Beide „Gesichter“ sind in der Interaktion mit anderen Individuen einer ständigen Bedrohung durch face threatening acts (FTAs, gesichtsverletzende Akte) ausgesetzt, will man höflich sein, so müssen diese FTAs so gut und so weit wie möglich vermieden werden. Die obersten Gebote der Höflichkeit bestehen demnach in der Wahrung des positiven Selbstbildes des Gegenübers und der Respektierung der Freiheit von Anderen.

Soweit die Theorie, doch wie sieht es in der Praxis der Orchesterprobe aus? Wie stellt es der/die Dirigent/in an, gesichtsverletzende Akte zu vermeiden, zu neutralisieren oder zu mildern?

Das einleitende Beispielszitat zeigt, dass der/die Dirigent/in z.B. Fragen verwendet, in die er/sie eine Aufforderung verpackt. Anstelle des Imperativs als eigentliche Aufforderungs- und Befehlsform tritt eine abgeschwächte, indirektere Form, die es erlaubt, den FTA abzuschwächen. Durch die Voranstellung „Ist es möglich, dass…“ wird die Bedrohung für die Handlungsfreiheit der Musiker/innen minimiert, es wäre im Grunde genommen auch möglich, mit „Ja, es ist möglich“ oder „Nein, es ist nicht möglich“ auf die Frage des/der Dirigent/in zu antworten. Außerdem spricht der/die Dirigent/in die Orchestermusiker/innen nicht direkt bei ihren Namen an, sondern er/sie benutzt verallgemeinernde  Anreden und spricht das gesamte Register (Bässe, Posaunen) an. Dadurch werden eine gewisse Distanz und der Respekt gegenüber der persönlichen Sphäre der Musiker/innen vermittelt.

Auffällig ist zudem der Gebrauch von Partikeln, allen voran peut-être (vielleicht). Der/die Dirigent/in benutzt peut-être, um einen Vorschlag einzuleiten, wie eine musikalische Passage interpretiert oder gespielt werden kann. Diesen Vorschlag äußert er/sie dann meist mit gesungenen Lauten, die das Spielen der Musiker/innen nachahmen sollen, so z.B. „peut-être aussi aaa di ra ri ra„. Dadurch möchte er/sie den Musiker/innen zu verstehen geben, dass seine/ihre Vorstellung der Passage keinen absoluten und/oder unanfechtbaren Wert hat, sondern dass die Musiker/innen immer noch Spielraum für ihre eigenen Vorstellungen haben. Hier versucht der/die Dirigent/in nicht nur das negative, sondern auch das positive face der Musiker/innen zu wahren, indem er/sie sich nicht als Allwissende/r präsentiert, sondern als integrativer Teil einer Gruppe, die gemeinsam etwas produziert.

Nichtsdestotrotz überwiegen in der Orchesterprobe größtenteils Aufforderungen, die der/die Dirigent/in in der Imperativform (2. Person Plural, Endung –ez) äußert: „Commencez au début, mais à beaucoup de place chantez et aussi balancez.“ Die Anwendung dieser Form stellt am wenigsten Aufwand dar, jedoch geht sie mit einem unmittelbaren Eindringen in die persönliche Sphäre der Musiker/innen einher. Um den FTA zu mildern, werden Aufforderungen oder Anweisungen von dem/der Dirigent/in hin und wieder auch durch erklärende Anmerkungen begleitet: „C’est un peu pénible mais ça c’est la base de tout“. Zusätzlich greift oft das Dampfüngsmittel s’il vous plaît (bitte), um das negative face der Orchestermusiker/innen nicht zu sehr zu bedrohen.

Es muss in diesem Zusammenhang bedacht werden, dass die Probezeit eines Symphonie-Orchesters begrenzt ist und dass deshalb stark ökonomisch und zeiteinsparend gearbeitet wird, u.a. auch mit der Einbuße, dass die Höflichkeit darunter leidet. Darüber hinaus gibt der/die Dirigent/in die Befehle nicht, da sie ihm/ihr selbst nutzen, sondern sie nutzen in erster Linie dem gesamten Orchester und der Erarbeitung eines gemeinsamen Produkts, das hohen Ansprüchen gerecht werden muss und in der Folge vor einem Publikum präsentiert wird. Und schlussendlich macht doch der Ton die Musik…

mm

 

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