Endlich geschafft: Doktorin in Philosophie!

Jawohl, es ist geschafft, ich habe mein Doktorat am 30. April abgeschlossen und darf mich von nun an „Doktor Monika Messner“ nennen. Und heute habe ich endlich Zeit gefunden, auch hier auf meinem Blog über diesen so wichtigen Abschluss zu berichten und gleichzeitig ein bisschen Richtung Zukunft zu blicken.

Ade, meine ständige Begleiterin!
Im Sommer 2015 habe ich begonnen, ein Konzept für meine Dissertation zu entwerfen und mich mit der Videodatenaufnahme in Orchesterproben zu beschäftigen. 2016 habe ich dann angefangen, Datenmaterial zu sammeln, zu ordnen und zu transkribieren und mich in die Literatur einzulesen. Ab dem Jahr 2017 habe ich mich auch dem Schreiben gewidmet und letztes Jahr, im Dezember 2020, habe ich den letzten Punkt in meiner Dissertation gemacht. Am 30. April war es dann im Rahmen meiner Dissertationsverteidigung – die online stattfand – soweit, (vielleicht ein letztes Mal?) über mein Dissertationsprojekt zu sprechen und in einer anschließenden Diskussion mein Fachwissen unter Beweis zu stellen bzw. meine Dissertation zu „verteidigen“. Letzte Woche habe ich vom Prüfungsreferat die Mitteilung erhalten, dass ich mein Doktoratsstudium erfolgreich abgeschlossen habe und nun offiziell exmatrikuliert bin. Und damit: Ade, Doktoratsstudium und ade, Dissertation!

Ich, beim (nostalgischen) Durchblättern meiner Dissertation

Wie fühlt es sich an?
Für mich fühlt sich das alles noch irgendwie komisch, ungewohnt und nicht wirklich real an, da meine Dissertation nun seit sechs Jahren meine ständige Begleiterin war und ich mich tagein tagaus mit ihr beschäftigt habe. Es gab gute Tage und es gab schlechte Tage – wie in jeder Beziehung 🙂 -, aber es wurde bis zum Schluss nie, wirklich nie, langweilig. Wahrscheinlich habe ich auch deshalb 420 Seiten geschrieben… 😉 Ich denke, dass ich noch ein wenig Zeit brauche, um zu realisieren, was dieser Doktortitel nun für mich und auch für meine weitere Karriere bedeutet. Ich hatte auch noch nicht wirklich Zeit nachzudenken, denn am Montag nach meiner Verteidigung (diese fand an einem Freitag statt), drehte sich das Rad (immer noch) weiter und ich war mit einem großen Berg an Arbeit konfrontiert, der erst im Laufe der letzten Woche wieder weniger wurde. In der Zwischenzeit wurde ich bereits mehrmals mit „Frau Doktor“ angesprochen oder angeschrieben und ich muss zugeben, dass sich das schon irgendwie gut anfühlt 🙂 – aber wie gesagt, das ist für mich noch ein bisschen gewöhnungsbedürftig…

Und wie geht es nun weiter?
Mit viel Arbeit! 🙂 Ohne Dissertation, aber vielleicht mit Habilitation? Meine Stelle in Salzburg bleibt mir ja erhalten – bis Ende Jänner 2023 -, diese ist nicht an das Doktoratsstudium und dessen Abschluss gebunden. Das heißt, ich habe oder hätte nun Zeit, mich einer Habilitation zu widmen. Eine Idee schwirrt mir bereits im Kopf herum und mal sehen, ob ich in den nächsten Jahren Zeit und Motivation finde, um mich einer weiteren schriftlichen Arbeit, vielleicht noch einmal mit ca. 500 Seiten, zu widmen. Who knows…

The show must go on!
Ansonsten bin ich zurzeit mit Lehre beschäftigt, da ich einen Kurs zu Grundlagen in Sprachwissenschaft Italienisch halte und dabei versuche, die Möglichkeiten des Internets und des digitalen Unterrichts auszuloten, um meinen Unterricht für die Studierenden so anregend wie möglich zu gestalten. Außerdem bin ich mit zwei Kolleg:innen von der Uni Salzburg dabei, an einer Publikation zu sprachlichen Strukturen und deren Verwendung in unterschiedlichen Sprachgebieten (Nordrhein-Westfalen, Oberösterreich/Salzburg und Südtirol) zu arbeiten. Ein Aufsatz dazu sollte noch heuer oder spätestens nächstes Jahr erscheinen.

Schreibst du noch in deinem stillen Kämmerlein oder sehen wir uns bald auf einer Tagung wieder?

Und bevor ich es vergesse: Letzte Woche hat mich das Buch bzw. die Publikation „It’s all Greek to me: Mehrsprachigkeit aus interdisziplinärer Sicht“ erreicht, in dem ein Aufsatz von Eva Lavric und mir zur Mehrsprachigkeit in Speisekarten und ein weiterer Artikel von mir zur Mehrsprachigkeit im Kammermusikunterricht zu finden sind. Als ich noch am Konservatorium in Bozen Klarinette studiert habe, habe ich in einer Unterrichtseinheit in Kammermusik Videoaufnahmen getätigt, von denen ich einen Teil in diesem Aufsatz verwendet habe. Ich bin also von Orchesterproben zum Kammermusikunterricht übergeschwappt und finde es ganz spannend zu sehen, welche Ähnlichkeiten und Unterschiede es zur Interaktion in Orchesterproben gibt. Die Kommunikation im Kammermusikunterricht läuft natürlich viel interaktiver ab als jene in Orchesterproben, da auch die Musiker:innen bzw. Studierenden in dieser kleinen Runde oft das Wort ergreifen und nicht nur eine/r (wie der/die Dirigent:in in der Probe) spricht, auch wenn die Rolle des/der Professor:in für Kammermusik vergleichbar mit jener des/der Dirigent:in ist. Und über die Interaktion im Kammermusikunterricht werde ich vielleicht auch auf einer Tagung im September sprechen, falls mein Abstract angenommen wird. Könnte ja sein, dass die Tagung dann wieder in Präsenz stattfindet und dass ich das eine oder andere bekannte Gesicht von jenen wieder sehe, die sich auch immer fleißig hier auf meinem Blog meine Beiträge durchlesen… 🙂

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„Essmo magari an Tschelatti?“ – Italianismen im gesprochenen Südtirolerisch

Warum „Autobiochl“ und nicht „Fahrzeugschein“?
Zum Einstieg in diesen Beitrag eine Frage an alle Südtiroler*innen hier auf meinem Blog: Haben wir uns als Südtiroler*innen schon einmal gefragt, warum wir „Autobiochl“ und nicht „Fahrzeugschein“ sagen? Oder warum bestimmte Personen „Rutschelen“ und nicht „Locken“ haben? Diese beiden Ausdrücke und auch noch viele weitere haben wir uns aus dem Italienischen „geklaut“. Südt. Rutschelen stammt vom Ital. i riccioli und wurde durch einige Änderungen so angepasst, dass es wie ein deutsches Wort klingt. Das Wort Autobiochl (oder Autobüchlein) ist eine Teil-Übersetzung von it. libretto di circolazione: it. libretto wurde zu südt. Biochl (inkl. Diminutivform: südt. Biochl < it. libretto), der italienische Ausdruck circolazione (=Kraftfahrzeug) wurde durch die einfachere Form Auto ersetzt. Man sieht schon, auch Wörter und Ausdrücke, die einem so gar nicht Italienisch vorkommen, haben Wurzeln in der italienischen Sprache und sind mittlerweile so fest in unserem Wortschatz verankert, dass wir sie gar nicht mehr als „Fremdwörter“, als „außergewöhnlich“ oder auch als „anders“ wahrnehmen.

„Ich halte nichts von dieser Bastapolitik!“ – Italianismen im Deutschen
Mit Italianismen im Deutschen beschäftige ich mich nun bereits seit Längerem im Rahmen des OIM-Projekts (OIM = Osservatorio degli italianismi nel mondo), hier allerdings mehr auf die mündliche Umgangssprache bezogen, wie sie in Deutschland und Österreich verwendet wird. Im Rahmen dieses von der Accademia della Crusca in Florenz unterstützten Projekts werden Italianismen in unterschiedlichen Sprachen, etwa Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch, Spanisch usw. gesammelt und in eine Datenbank eingespeist, die in nächster Zeit auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Mit Italianismen in der Südtiroler Umgangssprache bzw. im gesprochenen Südtirolerisch habe ich mich bisher nur am Rande auseinandergesetzt; ich finde es aber vor allem hier spannend, auf die Suche nach Italianismen zu gehen, da der Kontakt zum Italienischen so unmittelbar und zudem historisch geprägt ist.

„Essmo magari an Tschelatti?“ – Italianismen in der Südtiroler Umgangssprache
Vor einiger Zeit bin ich auf die Bachelorarbeit von Isabel Meraner gestoßen, eine Südtirolerin, die an der Ludwig-Maximilians-Universität in München romanische und skandinavische Philologie studiert hat. Sie hat ihre Bachelorarbeit zum Thema „Romanische Einflüsse in der Südtiroler Umgangssprache“ verfasst und darin das Sprachverhalten von dialektophonen Sprecher*innen im Raum Bozen, Überetsch und Unterland untersucht. Sie hat insgesamt 1073 Wörter und Wortverbindungen romanischen Ursprungs ausgemacht (nicht nur Italianismen, sondern auch Ausdrücke, die vom Französischen, vom Ladinischen oder von Dialekten aus dem benachbarten Trentino abstammen) und sich hier vor allem auf die Umgangssprache fokussiert, also die Art von „Ausgleichssprache“, in der etwa ein/e Bozner*in mit einem/einer Unterlandler*in spricht und zu extreme Dialektismen vermieden werden. Isabel Meraner hat in ihrer Sammlung Internationalismen aus den Bereichen Essen und Trinken oder Musik ausgespart und sich vor allem darauf konzentriert, welche romanischen Entlehnungen speziell für Südtirol sind.

Zwei solcher für Südtirol typische Entlehnungen haben wir ja bereits weiter oben gesehen, Rutschelen und Autobiochl. Beim Begriff Rutschelen handelt es sich – der Einteilung von Isabel Meraner in ihrer Studie folgend – um ein sogenanntes assimiliertes Lehnwort, d.h. um ein Wort, das aus einer Gebersprache (dem Italienischen) in eine Zielsprache (dem Deutschen oder der Südtiroler Umgangssprache) übernommen und an die Aussprache in der Zielsprache angepasst wurden. Solche assimilierten Lehnwörter machen den Großteil in Meraners Sammlung aus (45%), daneben tauchen auch zahlreiche nicht assimilierte Lehnwörter auf (36%), wie z.B. magari (südt. vielleicht) oder cazzo (südt. scheiße). Der Begriff Autobiochl kann unter den Lehnübersetzungen eingeordnet werden: Die ausgangssprachliche, italienische Form wird in die Zielsprache übersetzt (it. libretto di circolazione > südt. Autobiochl). Interessant sind auch die hybriden Formen, also Kombinationen aus einem italienischen Wort und einer dialektalen Form, etwa in südt. brutta figura mochn.

Isabel Meraner hat außerdem festgestellt, dass das Italienische Einfluss auf das Laut- und Schriftbild von Ausdrücken in der Südtiroler Umgangssprache hat. So sprechen Südtiroler*innen das Wort Kaffee mit Betonung auf dem Endvokal aus, abgeleitet von it. il caffè, und nicht wie im (Standard-)Deutschen mit Betonung auf der ersten Silbe (Kaffee). Ein weiteres Beispiel ist das Farbadjektiv orange ([orãʃ] in Hochdeutsch ausgesprochen), das im Südtirolerischen zu orantsch [oRantʃ] wird, da hier die Aussprache von it. arancione beeinflusst wird.

Luxus vs. Bedürfnis: Was brauchen wir wirklich?
Auf diese Frage hat Isabel Meraner am Ende ihrer Bachelorarbeit versucht, eine Antwort zu geben. Bei vielen Begriffen aus der Kategorie Militärwesen und auch Verwaltung/öffentliches Wesen (z.B. südt. Quäschtur für ‚Polizeirevier‘ oder südt. Mareschallo für ‚Kommandant‘) handelt es sich um Bedürfnislehnwörter, da sie sehr oft in Verbindung mit dem italienischen Rechts-, Verwaltungs- und Verteidigungssystem stehen. Andere Ausdrücke, wie z.B. das Fluchwort Dio cane!, das auch als Luxuslehnwort bezeichnet werden kann, ist laut Meraner auf sprachliche Expressivität zurückzuführen. In Südtirol ist es sehr viel expressiver das italienische Fluchwort zu verwenden, als Verdammt noch mal! zu rufen. Dabei spielt auch eine gewisse sprachliche Verschleierung eine Rolle: Das Fluchen in der Fremdsprache ist weniger transparent als das Fluchen in der eigenen Sprache. Das bedeutet, durch Fluchausdrücke in der Fremdsprache wird das Fluchen an und für sich abgeschwächt.

Eine typisch deutschsprachige Szene in Südtirol,
gezeichnet von Hans Peter Demetz.

„Jetzt sein mer fregiert!“ oder die Unausweichlichkeit des Italienischen
Manch eine/n Sprachpurist*in mag es schaudern, aber der italienische Einfluss auf das Südtiroler Deutsch ist durch den hautnahen Kontakt mit Italien und auch mit italienischen Tourist*innen aus Rest-Italien unausweichlich. Aufbauend auf der Studie von Isabel Meraner – und auch auf anderen Arbeiten zur Rolle des Italienischen in Südtirol – wäre es nun interessant, eine aktuelle und umfassende Datenbank und Analyse des italienischen und auch romanischen Lehnguts in Südtirol zu erstellen. In dieser Datenbank sollte dann auch aufscheinen, an welchem Ort in Südtirol der italienische Begriff gefunden wurde und inwiefern er effektiv genutzt wird. Das heißt, hier gäbe es einiges an Arbeit zu tun, u.a. Datensammlung, Datenauswertung und Dateninterpretation. Wer weiß, vielleicht nehme ich mich dieser Arbeit in Zukunft ja an und finde heraus, ob die Perfektionierung der gesellschaftlichen Zweisprachigkeit in Südtirol die Entstehung einer Mischsprache verhindert oder ob dieses Mischen des Italienischen und des Deutschen gar eine ’neue Südtiroler Identität‘ bewirkt?…

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Finito!!

So wie ein/e Dirigent/in mit „Finito!“ eine Probe beenden würde, benutze auch ich dieses Stichwort, um es ans Ende einer fünf Jahre langen Reise zu setzen: Finito! Meine Dissertation ist fertig! 🙂 Wenn ich ein gedrucktes Exemplar davon in der Hand halte, kann ich selbst kaum glauben, dass es nun zu Ende ist. Und noch weniger glauben kann ich, dass ich soviel geschrieben habe: 422 Seiten Text plus 99 Seiten Anhang, also insgesamt 521 Seiten! Diese Seitenanzahl würde eigentlich einer Habilitation, d.h. dem nächsten Step in der Karriereleiter entsprechen… Allerdings muss ich sagen, dass mir vor allem im letzten Jahr das Schreiben leicht von der Hand ging, da ich noch viele Ideen hatte, die ich zu Blatt bringen wollte und da natürlich auch ein Ende in Sicht war. 😉

Meine fertige Dissertation

Und wie geht es nun weiter? Ganz fertig ist ja noch nicht bzw. sind noch einige Steps zu meistern, bevor ich mein Doktorat in der Tasche habe. Nächster Schritt wird die Einreichung fünf gedruckter Exemplare im Prüfungsreferat der Uni Salzburg sein, was in Zeiten von Corona per Post/Kurier geschehen muss. Anschließend übermittelt das Prüfungsreferat meine Dissertation meinem Hauptbetreuer, der das Erstgutachten darüber verfasst, sowie einer externen Person, die das Zweitgutachten erstellt. Die Gutachter haben zwei Monate Zeit, um sich meine Arbeit durchzulesen und zu bewerten. Sobald ich das Ergebnis der Gutachten erhalte, kann ich die Verteidigung meiner Dissertation anmelden, die den Abschluss des Doktoratsstudiums darstellt. In einem letzten Schritt stelle ich die Inhalte und Ergebnisse meiner Arbeit vor einem Prüfungssenat vor. An diese Präsentation schließt eine Diskussion an, bei der vom Prüfungssenat u.a. auch auf die Gutachten Bezug genommen wird und die Beherrschung meines Fachgebiets evaluiert wird. Und dann erhalte ich meine Abschlussdokumente und kann mich „Doktor“ nennen. 🙂

Die 521 Seiten schwere Arbeit

Das heißt, ein bisschen etwas gibt es noch zu tun. Allerdings kann ich mich jetzt einmal ein wenig zurücklehnen und mich auf andere Dinge konzentrieren, bevor ich mich der Vorbereitung der Abschlusspräsentation widme. Zum Beispiel kann ich mich mit einem Aufsatz zur Mehrsprachigkeit im Kammermusikunterricht auseinandersetzen, für den die Einreichfrist bald abläuft, oder meine Lehrveranstaltung zu Grundlagen in italienischer Sprachwissenschaft für das Sommersemester 2021 an der Uni Salzburg vorbereiten. Und wenn mir langweilig werden sollte, habe ich ja meine gedruckte Diss zu Hause, die ich (nochmals, zum gefühlt hundertsten Mal) lesen kann. 🙂

Auf Fehlersuche 😉

Leider kann ich meine Dissertation noch nicht öffentlich stellen, damit auch der oder die eine oder andere, der/die mir hier auf dem Blog folgt, sie lesen kann. Allerdings möchte ich gerne auf zwei von mir online erschienene Artikel verweisen, die sich mit multimodalem Erzählen und mit gesanglichen Demonstrationen als instruktive Praktik in Orchesterproben beschäftigen. Ersterer ist im Dezember 2020 auf Linguistik online und letzterer erst gestern in der Online-Zeitschrift für Gesprächsforschung erschienen. Ebenfalls gestern ging eine von mir verfasste Rezension zum Buch „Proben-Prozesse“ von Wolfgang Gratzer und Christoph Lepschy online. Also: Es läuft! 😉

Hier die Links zu den Texten:

  1. Multimodales Erzählen in der Orchesterprobe: https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/7305/10333
  2. Gesangliche Demonstrationen als instruktive Praktik in der Orchesterprobe: http://www.gespraechsforschung-online.de/fileadmin/dateien/heft2020/si-messner.pdf
  3. Rezension über „Proben-Prozesse“: https://atem-journal.com/ojs2/index.php/ATeM/article/view/2020_1.18/2791

Viel Spaß beim Lesen!

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Mehrsprachigkeit in Speisekarten – mit und ohne Übersetzung

Heute mal wieder ein Blogbeitrag zu einem Thema, das nichts mit meiner Dissertation zu tun hat, das allerdings treuen Leser/inne/n meines Blogs bereits bekannt sein dürfte. Es handelt sich um ein Thema, mit dem ich mich bereits seit Sommer letzten Jahres beschäftige, und zwar Mehrsprachigkeit Speisekarten. Im September 2019 habe ich auf einer Tagung zu Gastronomie und Önologie in Innsbruck einen Vortrag zur Mehrsprachigkeit in Südtiroler Speisekarten gehalten und mittlerweile auch einen Artikel dazu verfasst, der hoffentlich bald publiziert wird. Und nun beschäftige ich mich gemeinsam mit Eva Lavric von der Uni Innsbruck ein weiteres Mal mit dem Umgang mit unterschiedlichen Sprachen und Dialekten in Speisekarten. Dieses Mal allerdings nicht mehr ausschließlich auf Südtirol bezogen, sondern ausgeweitet auf Speisekarten im Rest von Italien, in Spanien, Frankreich, Deutschland und Österreich. Wir arbeiten mit einem ziemlich großen Corpus, aus dem wir mittlerweile schon Beispiele ausgesucht haben, die wir dann einer Analyse unterziehen. Wofür das Ganze? Für eine Tagung zur Mehrsprachigkeit ganz generell im Dezember 2020 in Zwickau, die schon im Juni diesen Jahres hätte stattfinden sollen und nun nochmals auf Juni 2021 verschoben wurde. Ich selbst werde an der Tagung dann nicht teilnehmen, da sie sich mit einem anderen Termin überschneidet. Allerdings wird bereits vor der Tagung ein Sammelband herausgegeben, für den Eva Lavric und ich einen Aufsatz zum Thema unseres Vortrags auf der Tagung (den dann Eva Lavric ohne mich halten wird) verfassen: „Mehrsprachigkeit in Speisekarten – mit und ohne Übersetzung“. In dem Beitrag wollen wir zum einen zeigen, wie in Speisekarten Speisebezeichnungen übersetzt werden, z.B. vom Deutschen ins Italienische und/oder Englische, und zum anderen, welche Sprachen in Speisebezeichnungen eingeswitcht werden, z.B. französische Termini wie „Crème brûlée“ in einem italienischen oder spanischen Speisenamen. Dabei geht es vor allem um zwei Fragen: Wie transparent sind solche Speisebezeichnungen? Und wie und wodurch (z.B. die Verwendung unterschiedlicher Sprachen, eines Dialekts oder spezifische Verweise, etwa auf einen Ort) werden Gerichte aufgewertet? In diesem Blogbeitrag möchte ich einige Beispiele aus dem Corpus für den Aufsatz auflisten und kurz besprechen.

Beginnen wir mit den Übersetzungen. Hier unterscheiden Eva Lavric und ich zwischen „treuen“ Übersetzungen, Kürzungen und Vereinfachungen, Hinzufügungen sowie traditionellen Gerichten. Als „treu“ könnte z.B. die Übersetzung der deutschen Speisebezeichnung „Hausgemachte Kamutbandnudeln / Datteltomaten / Babyspinat / Black Tiger Garnelen“ ins Italienische „Pappardelle al Kamut fatti a mano / datterini / spinacino / gamberi Black Tiger“ bezeichnet werden. Wobei, wenn man es ganz genau nimmt, dann handelt es sich beim Ausdruck „fatti a mano“ im Italienischen nicht um eine 1:1-Übersetzung des deutschen Ausdrucks „hausgemacht“, sondern um eine leichte Abwandlung (dt. „hausgemacht“ = it. „fatto in casa“). Daneben wird in Übersetzungen auch gerne gekürzt bzw. vereinfacht: So wird etwa dt. „Weißes Schokoladentürmchen“ zu ital. „Mousse di cioccolato bianco“. Die Art von Aufwertungsstrategie im Deutschen durch das Diminutiv „Türmchen“ entfällt im Italienischen und wird dort durch die einfache(re) Variante „Mousse“ ersetzt.

Im Gegensatz dazu werden bei Hinzufügungen in der italienischen und englischen Übersetzung mehr Informationen als in der deutschen Speisebezeichnung gegeben. Der deutsche Speisename „Wienerschnitzel vom Kalb mit Röstkartoffeln“ wird in der italienischen Bezeichnung durch „‚Wienerschnitzel‘ con patate saltate“ übernommen und mit dem Zusatz „cotoletta alla milanese di vitello“ ergänzt. Auch in der englischen Übersetzung wird der Name „Wienerschnitzel“ aus dem Deutschen übertragen und in Klammern durch „breaded veal cutlet“ erklärt. Das heißt, hier wird in den jeweiligen Übersetzungen erklärt, wie das Gericht zubereitet wird und damit dem Gast ein Bild davon gegeben, wie das Gericht sich dann vor ihm/ihr auf dem Teller präsentiert. Von jenen Gästen, die Deutsch sprechen, wird erwartet oder angenommen, dass sie wissen, wie ein Wienerschnitzel zubereitet wird. Der deutsche Speisename kommt ohne Erklärung aus, das Gericht wird als unter den deutschsprechenden Gästen als verbreitet und bekannt eingeschätzt.

Anders verhält es sich bei traditionellen Gerichten, die typisch für einen bestimmten Ort sind. Hier wird auch im Deutschen erklärt, wie das Gericht zubereitet wird, so etwa in „Hofstatt Alm’s Nudlpfandl“. Dieses Gericht wird sowohl in der deutschen als auch in der italienischen Version der Speisekarte mit den Ingredienzien angeführt: dt. „Tomaten, Zwiebel, Lauch, Bauernspeck, Kalbsragout, Pilze, Sahne“, it. „Pasta alla Malga Hofstatt: Pomodori, cipolla, porro, speck, ragout di vitello, funghi, panna“. Diese Bezeichnungen sind ein optimales Beispiel für Transparenz: Sowohl der deutsche als auch der italienische Gast kann nachvollziehen, wie das Gericht (hier: eine Spezialität des Hauses) aussieht bzw. aus welchen Ingredienzien es sich zusammensetzt.

Neben den Übersetzungen schauen Eva Lavric und ich uns in dem Artikel auch Codeswitching-Strategien an. Unter Codeswitching fallen Beispiele, in denen bekannte Internationalismen vorkommen, wie z.B. „Maccheroni“ in „Rammelstein Maccheroni“ oder „Crème brûlée“ in der Speisebezeichnung „Crème brûlée alla fava di Tonka“. Hierbei handelt es sich meistens um Zubereitungsarten bzw. deren Ergebnisse, die schon überall verbreitet sind, etwa „Crème brûlée“, oder auch „“Sauce“ oder „Risotto“. Daneben untersuchen wir Switches in Speisenamen in eine andere Sprache, da es in der Basissprache keine Entsprechung gibt. Zu solchen Switches kommt es beispielsweise durch die französischen Ausdrücke „purea“ (it., abgeleitet von purée) und „brioche“ in „Mattonella di fegato d’oca al tartufo nero, purea di mele golden, gelatina al porto e brioche tostata“; oder durch die japanischen Ausdrücke „Sushi“, „Nigiri“ und „Wasabi“ im Speisenamen „Sushi und Nigiri von der Gänseleber, mit Ingwer und Wasabi“. Zu finden sind auch Ausdrücke aus der indischen Küche, etwa „Tandoori“ (Tandoori Entenbrust), aus der spanischen Küche, etwa „Gazpacho“, oder auch aus der chinesischen Küche, etwa „Pak Choi“. In den Beispielen in unserem Corpus lässt sich vor allem ein Trend hin zu japanischen Ausdrücken feststellen.

Als weitere Unterkategorie von Codeswitching können Switches in eine andere Sprache aufgefasst werden, obwohl in der Ausgangssprache ein entsprechendes Wort vorhanden wäre. So findet sich z.B. in einer italienischen Speisekarte der Speisename „Cheese Cake – Pastiera“. „Cheese Cake“ könnte im Italienischen durch „Torta di ricotta“ übersetzt werden. Das Restaurant verzichtet hier allerdings auf eine Übersetzung in die Basissprache und verwendet den englischen Ausdruck als Strategie, um das Gericht aufzuwerten und es gegenüber anderen Gerichten in der eigenen Karte (oder auch in anderen Speisekarten) abzugrenzen. In deutschen Speisekarten wird gerne und oft die französische Bezeichnung „Consommé“ für dt. „Hühnerbrühe“ oder „Kraftbrühe“ verwendet. Französisch klingt hier wohl um einiges eleganter als Deutsch und wertet das Gericht als solches auf. Nicht zuletzt interessiert uns der Umgang mit regionalen Sprachen und Dialekten. Hier ist der Trend zu verzeichnen, dass einfache und banale Gerichte durch die Verwendung von dialektalen Ausdrücken aufgewertet werden. Allen voran im Spanischen, beispielsweise, wenn ein Gericht wie „Bohnen und Ei“ durch regionale Herkunft und regionalsprachliche Ausdrücke eine Aufwertung erfährt („Salteado de babatxikis y huevo Euskal Oiloa“). Aber auch in deutschen Speisekarten kommen solche Aufwertungsstrategien zum Einsatz, wenn z.B. von einer „Kasnocke“ oder von „Schlutzer“ die Rede ist.

Als erstes Fazit kann festgehalten werden, dass in den untersuchten Speisekarten vor allem ins Französische, Englische, Japanische und Italienische geswitcht wird. In den deutschen Speisekarten wird am meisten geswitcht, und zwar massiv ins Französische. Durch die Verwendung von französischen Fachausdrücken aus der Gastronomie werden Gerichte aufgewertet und bleiben auch transparent, da die meisten Begriffe aus der französischen Küche (etwa „Vinaigrette“, „Croûtons“) international verbreitet sind. Immer präsenter werden auch die Switches ins Englische, auch hier vermehrt in deutschen Speisekarten, allerdings sind englische Switches auch in italienischen Speisekarten auffällig. Englisch steht für Modernität und für Aufgeschlossenheit und wertet Gerichte durch Begriffe wie „Chips“, „Spare Ribs“ oder „Crumble“ auf.

Soviel zur Mehrsprachigkeit in Speisekarten. 🙂 Ich hoffe, ich konnte einen Einblick geben, wie mit unterschiedlichen Sprachen in Speisekarten umgegangen wird und was man daraus alles ablesen, einordnen und untersuchen kann. Vielleicht kann ich dem/r einen oder anderen Leser/in durch diesen Blogbeitrag auch Anstoß geben, fortan Speisekarten vielleicht mit anderen Augen zu betrachten, und zwar als – meist bemerkenswert akkurates – Produkt unseres immer stärker mehrsprachig werdenden Alltags…

mm

Punkt. Ende. Aus.

Ich kann es kaum glauben, aber diese Woche am Dienstag, 22. September 2020 um 17.51 Uhr habe ich den letzten Punkt in meiner Dissertation gemacht. Ich habe es bis heute noch nicht wirklich realisiert, dass es nun mit dem Schreiben und Produzieren (fast) zu Ende ist. Ich habe mit meinem Dissertationsprojekt im Juni 2015 begonnen, im Frühjahr 2016 die Videodaten bei Orchestern in Frankreich und Italien gesammelt und – soweit ich mich erinnern kann – ab 2017 intensiv an meiner Dissertation geschrieben mit einer mehr oder weniger größeren Unterbrechung von September 2017 bis Juni 2018, als ich als Französischlehrerin an einer Oberschule in Bozen unterrichtet habe. Und nun habe ich alles soweit fertig geschrieben, dass ich „nur“ noch Überarbeitungen und Korrekturen vornehmen muss und dann die Arbeit abgeben kann. 🙂 Okay, ganz so einfach ist dann auch wieder nicht, denn neben dem Überarbeiten fallen auch noch einige andere Dinge an:

  • Einleitung und Schluss mit meiner Zweitbetreuerin besprechen und evtl. nochmals erweitern und/oder umformulieren,
  • eine Liste an verwendeten Transkriptionskonventionen erstellen,
  • alle in der Arbeit verwendeten Transkripte sammeln und als Anhang einfügen,
  • die Danksagung verfassen,
  • alle bibliographischen Einträge mit dem Literaturverzeichnis abgleichen,
  • ein Gesamt-Dokument erstellen, das auch ein (automatisches) Abbildungs- und Tabellenverzeichnis beinhaltet.

Das heißt, es gibt noch einiges zu tun! Allerdings sind diese To-Do’s intellektuell nicht mehr so anstrengend, denn nun habe ich kein weißes Blatt mehr vor mir (außer bei der Danksagung, obwohl ich da auch schon gesammelt habe und nun alles noch in eine anschauliche Form bringen muss), sondern kann mit dem arbeiten, was ich bereits produziert habe. Deshalb ist dieser vorläufige Abschluss bereits wie ein kleiner Meilenstein, den ich gerne hier auf meinem Blog festhalten möchte. Geplant wäre, die fertige Dissertation Anfang November einzureichen, dann dauert es ca. zwei Monate bis die Gutachten dazu erstellt sind und Anfang nächsten Jahres sollte es dann soweit sein, dass ich meine Arbeit verteidige bzw. in einer halbstündigen Präsentation nochmals vorstelle und damit das Doktorat abschließe.

Und was mache ich dann? 😉 Diese Frage hat mir am Dienstag bereits mein Freund gestellt bzw. meinte er zu mir: „Dann hast du ja nichts mehr zu tun“. Dazu kann ich nur sagen, dass die Arbeit nie/nicht aufhört. Zwar wird viel wegfallen, wenn ich nicht mehr mit meiner Dissertation beschäftigt bin, allerdings sollte das Ziel sein, die Dissertation bei einem Verlag zu veröffentlichen, was ja auch wieder mit Arbeit verbunden ist. Denn das bedeutet, dass ich einen geeigneten Verlag finden, mich um finanzielle Mittel kümmern und höchstwahrscheinlich auch die gesamte Doktorarbeit nochmals umformatieren und an die Vorgaben des Verlags anpassen muss. Außerdem habe ich jetzt für den Herbst auch bereits einige Projekte geplant:

  • die Teilnahme an einer Datensitzung in Innsbruck mit Videodaten aus einem Kammermusikunterricht am Konservatorium Bozen, wo ich auch selbst als Klarinettistin mitwirke,
  • die Vorbereitung von zwei Präsentationen für eine Tagung im Dezember in Zwickau (darüber habe ich bereits im Beitrag „I’m back!“ berichtet),
  • das Verfassen einer Rezension zu einem Buch über Proben-Prozesse,
  • sowie das Schreiben von neuen wissenschaftlichen Aufsätzen und die Überarbeitung von bereits verfassten, kurz vor der Veröffentlichung stehenden Artikeln.

In nächster Zeit wird mir also sicherlich nicht langweilig! Im Gegenteil, ich freue mich auf neue Herausforderungen, neue Themen, neue Aufgaben und auch darauf, meine Dissertation im November als gedrucktes Exemplar (endlich!) in den Händen zu halten. Stay tuned! 🙂

mm

How to: Wie schreibe ich meine Dissertation?

Hier auf meinem Blog habe ich bereits einige Eindrücke davon geteilt, wie das Arbeiten und Schreiben an meiner Doktorarbeit bzw. Dissertation aussieht. Allerdings hat mich noch nie jemand gefragt, was es genau bedeutet, eine Doktorarbeit zu schreiben. Fragen wie Was machst du den ganzen Tag? Wie sehen deine Arbeitsschritte aus? Wie bringst du die Gedanken und Ideen, die in deinem Kopf herumschwirren, zu Blatt? wurden mir bis jetzt noch nicht gestellt. Auf diese Fragen möchte ich in diesem Blogbeitrag eingehen. Das heißt, ich werde meinen Arbeitsalltag in kleine Abschnitte aufbröseln und damit aufzeigen, wie man – oder ich – eine Doktorarbeit schreibt(e).

Mein Tag am PC beginnt eigentlich immer bereits am Tag vorher, wenn ich meine To-Do’s für den nächsten Tag abstecke. Ich führe eine To-Do-Liste, die ich wöchentlich plane und dann Tag für Tag einzelne Aufgaben darin auswähle. Das heißt, am Freitag vorher plane ich meine To-Do’s für die Woche darauf und weiß dann meistens schon, welche Aufgaben ich am Montag abarbeiten werde. Am Montag nach getaner Arbeit überlege ich mir, was ich am Dienstag erledigen kann usw. Für heute habe ich mir beispielsweise vorgenommen, einen neuen Blogbeitrag zu verfassen, an einem Kapitel zur Erforschung der Kommunikation an Orchesterproben weiterzuarbeiten und einen Teil eines Corpus mit italienischen Speisekarten zu erstellen, das Eva Lavric und ich für unseren gemeinsamen Vortrag über Mehrsprachigkeit in Speisekarten im Dezember in Zwickau benötigen (siehe auch den Blogbeitrag I’m back!).

Sobald ich mit dem Schreiben dieses Beitrags hier auf meinem Blog fertig bin, werde ich mich mit dem Kapitel zur Kommunikation in Orchesterproben auseinandersetzen. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von bereits bestehenden, relevanten Studien, die sich damit beschäftigen, wie in der Orchesterprobe kommuniziert wird. Für einen solchen Literaturüberblick muss zunächst einmal relevante Literatur gesucht und gesichtet werden. Das heißt, dieser erste Prozess ist mit sehr viel Recherchieren, Lesen, Überfliegen, Markieren und Notizen machen verbunden. Hier entstehen kurze Mini-Rezensionen in Stichworten über die Aufsätze und Studien, die dann in einem zweiten Schritt in eine nachvollziehbare Reihenfolge gebracht und in einem dritten Schritt zu einem Text verarbeitet werden müssen. Den ersten Schritt habe ich bereits letzte Woche abgeschlossen, also geht es heute in die zweite Runde, in der ich meine Stichworte in eine Form bringe und daraus einen Text konzipiere. Mit diesem Kapitel werde ich mich dann nicht nur heute, sondern auch noch in den nächsten Tagen beschäftigen.

Solche Kapitel schreiben sich relativ leicht und schnell, wohingegen Abschnitte, in denen es darum geht, das Videomaterial aus den Orchesterproben zu transkribieren und zu analysieren, (viel) mehr Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Wenn ich z.B. einen Videoausschnitt analysieren möchte, dann grenze ich zuallererst ab, wie lang er sein soll bzw. von wo bis wo in der Aufnahme ich transkribieren werde. Mit dem von mir verwendeten Transkriptionsprogramm (ELAN) kann ich solche Segmente auswählen und markieren und dann auch mehrmals abspielen. Habe ich einen Abschnitt ausgewählt, so transkribiere ich in einem ersten Schritt nur das, was gesagt wird – oder im Fall der Orchesterprobe, was der/die Dirigent/in sagt. Dafür stelle ich mir die Geschwindigkeit auf die Hälfte ein und teile den Abschnitt nochmals in kleinere Segmente, die ich mir wiederholt anhöre und dabei das Verbale notiere. Dazu gehören auch gesangliche Passagen, Pausen, Versprecher, hörbares Ein- und Ausatmen, prosodische Hervorhebungen, Akzente sowie Änderungen in der Satzintonation. Also alles, was aus dem Mund des/der Dirigenten/in herauskommt. In einem zweiten Schritt kommt alles Nonverbale dran: Ich vermerke, was der/die Dirigent/in mit seinen/ihren Händen/Armen macht, welche Gesichtsausdrücke er/sie einsetzt, in welche Richtung er/sie sich beispielsweise mit seinem/ihrem Oberkörper dreht, wenn er/sie mit einer bestimmten Instrumentengruppe spricht und wohin er/sie blickt (z.B. auf die Partitur oder zum Orchester). Alle diese Teile gemeinsam bilden dann das Transkript zum Videoausschnitt.

Wenn ich das fertige Transkript vor mir habe, gehe ich es Zeile für Zeile durch und halte in Stichworten meine Beobachtungen fest. Da kann z.B. geschrieben stehen: „Z03: Dirigent lokalisiert Stelle X in der Partitur, blickt auf Partitur und hält rechten Zeigefinger ausgestreckt in die Richtung der Hörner“. Ausgehend von diesen stichwortartigen Feststellungen verfasse ich eine Analyse zum Transkript. Am Ende einer jeden Analyse halte ich die daraus resultierenden, wichtigsten Erkenntnisse fest und setze sie in einen Zusammenhang zum nächsten Beispiel bzw. zum darauffolgenden Transkript inkl. Analyse. Beim nächsten Beispiel gehe ich in derselben Art und Weise vor, bis ich – meiner Ansicht nach – genug Beispiele für ein bestimmtes Phänomen, wie z.B. Lokalisieren in Orchesterproben, gesammelt und analysiert habe.

So kann man sich in etwa vorstellen, was ich den ganzen Tag mache und wie ich meine Gedanken zu Papier bringe. Dabei vergeht die Zeit meistens wie im Flug und mein Arbeitstag ist schneller zu Ende als gedacht. Bevor ich meinen PC wieder ausschalte, aktualisiere ich meine To-Do Liste für den nächsten Tag und plane ein, für welche Aufgaben ich dann Zeit haben werde. Wenn ich untertags auf einen interessanten Aufsatz stoße oder mir einfällt, dass ich diesen oder jenen Artikel vielleicht noch lesen sollte, um evtl. auch einen anderen Blick auf meine Daten und auf meine Analysen zu bekommen, so drucke ich ihn mir aus und nehme ihn mir als Abend- oder Bettlektüre mit nach Hause. Beim Lesen markiere ich mir dann jene Stellen, die ich tags darauf, wenn ich wieder an meiner Dissertation sitze, gegebenenfalls hier und da noch einbauen bzw. einen Verweis dazu herstellen kann. So endet mein Arbeitstag… manchmal nehme ich ein Stück weit meiner Doktorarbeit auch mit bis in die Nacht, wenn ich irgendwann aufwache und mir Ideen in den Kopf schießen, die meistens die besten und kreativsten sind, und die ich mir zum Glück auch in den allermeisten Fällen bis zum nächsten Tag merken kann… 😉

mm

I’m back!

Ich bin zurück! Und das gleich in zweierlei Hinsicht. Ich bin zurück in Salzburg, in meinem Büro und ich bin auch hier auf meinem Blog wieder zurück. In letzter Zeit ist es ein wenig still geworden, was zum einen damit zusammenhängt, dass ich intensiv an meiner Dissertation und auch an anderen Publikationen gearbeitet habe. Zum anderen haben mir die Inspiration und der Schreibfluss gefehlt. Das soll sich nun aber wieder ändern. 🙂 Ich möchte Euch, liebe Leserinnen und Leser, noch gerne auf dem Endspurt bis zur Fertigstellung meiner Dissertation mitnehmen. Ich werde berichten, wie ich vorankomme und auch einige Einblicke in meine Analysen geben. Außerdem werde ich über künftige Projekte, Tagungen usw. – also wie gewohnt – schreiben.

Und mit dem Berichten über das Vorankommen starte ich gleich hier. Ich bin nun bereits am Überarbeiten und Korrigieren von Abschnitten, die dann soweit fertig gestellt sein sollten. Außerdem fehlen mir (nur) noch ein abschließendes Fazit im empirischen Teil sowie zwei theoretische Kapitel, ein Abschnitt zu Corpus und Methode, und nicht zu vergessen (und auch nicht zu unterschätzen!) die Einleitung und der Schluss. Das heißt im Klartext: Ich schreibe noch 6 Abschnitte und bin dann fertig! Ok, ganz so einfach ist es nicht, denn es muss noch Korrektur gelesen und das eine oder andere auch noch mit meinen Betreuer/inn/en besprochen werden. Aber das Licht am Ende des Tunnels wird immer heller und größer und bald sollte ich es erreicht haben!

Das bedeutet allerdings nicht, dass es diesen Blog dann so nicht mehr geben wird, sobald ich meine Dissertation abgegeben habe. Ich habe vor, danach noch hier auf meinem Blog aktiv zu bleiben und mich dann vielleicht auch anderen Themen zu widmen. Mal schauen, was auf mich zukommen wird und was ich hier teilen kann…

Was ich jetzt schon sagen kann, ist, dass ich im Dezember 2020 – falls Corona keinen Strich durch die Rechnung macht – nach Zwickau zu einer Tagung fahren werde, die sich mit Mehrsprachigkeit befasst. Dort werde ich zwei Vorträge halten. Einen Vortrag gemeinsam mit Eva Lavric zur Mehrsprachigkeit in deutschen, italienischen, französischen und spanischen Speisekarten und einen Vortrag über die mehrsprachige Kommunikation im Kammermusik-Unterricht. Dabei arbeite ich mit Videodaten, die ich während eines Kammermusik-Kurses, an dem ich selbst als Musikerin beteiligt war, am Konservatorium Claudio Monteverdi in Bozen aufgenommen habe und die sehr interessantes Material im Hinblick auf Mehrsprachigkeit bieten. Man muss sich das so vorstellen: Eine Professorin mit Erstsprache Italienisch kommuniziert über das geprobte musikalische Werk mit drei Student/inn/en, deren jeweiligen Erstsprachen (Polnisch, Bulgarisch, Deutsch) sich nicht mit ihrer Erstsprache decken. Zwei der drei Studierenden verstehen und sprechen Italienisch, ein Studierender versteht Italienisch zwar, bevorzugt allerdings Englisch als Arbeitssprache. Außerdem versucht die Professorin immer wieder während des Unterrichts ihre Deutschkenntnisse über mich als Muttersprachlerin auf Vordermann zu bringen. Also ein Eldorado für Mehrsprachigkeit! Im September/Oktober werde ich mich mit der Vorbereitung dieses Vortrags und auch mit dem Vortrag gemeinsam mit Eva Lavric auseinandersetzen und dann sicherlich hier auf meinem Blog die einen oder anderen Erkenntnisse teilen.

Bis dahin steht meine Dissertation – und jetzt im Juli auch noch die Überarbeitung eines Artikels – ganz oben auf meiner To-Do-Liste. Im Herbst sollte sie geplant fertig geschrieben sein, sodass dann (nur) noch die Überarbeitung ansteht. Ich hoffe, dass dieser Plan aufgeht, bitte drückt mir die Daumen! 🙂

mm

„Dans le ‚Corona‘ – taaa ta da diii…“

Der Titel dieses Beitrags ist kein Zitat aus einer Orchesterprobe (das Original wäre „dans le choral…“), allerdings spiegelt er genau das wider, wie zurzeit mein Alltag aussieht. Ich befinde mich nun schon seit 10. März coronabedingt im Home Office in Südtirol und beschäftige mich tagein tagaus mit meiner Dissertation – und auch zwangsläufig mit Corona. Diese Zeit und diese Situation haben mich einige Dinge gelehrt, die ich hier nun teilen möchte.

1) Ich kann auch zu Hause produktiv arbeiten.

Bis jetzt ist es mir nie wirklich gelungen, eine produktive Arbeitsweise zu verfolgen, wenn ich zu Hause am PC gesessen habe. Das hängt damit zusammen, dass die Ablenkung hier viel größer ist, wie wenn ich in Salzburg an der Uni in meinem Büro sitze. Damit meine ich, dass mir während des Arbeitens an meiner Diss einfallen kann, was ich hier zu Hause in der Wohnung noch aufräumen oder putzen könnte, oder dass ich, wenn ich müde bin, mich einfach auf die Couch hinlegen und mir mit Fernsehen die Zeit vertreiben kann. Das Schwierige im Home Office ist, Arbeit und Privates zu trennen bzw. sich zuerst mit dem einen und dann mit dem anderen zu beschäftigen und nicht beides gleichzeitig machen zu wollen. Allerdings muss ich sagen, dass ich diesen Spagat nun schon seit über einen Monat gut hin bekomme und sich das auch positiv auf das Fortschreiten meiner Diss auswirkt. Juhuu! 🙂

2) Hamsterkäufe in Supermärkten können sprachwissenschaftlich erklärt werden.

Und zwar durch das sogenannte „Cooperative Principle“, einem Grundsatz von Kommunikation. Wenn die Politik sagt, dass es keine Knappheit an Grundnahrungsmitteln – und auch nicht an Toilettenpapier – geben wird, dann propagiert sie gleichzeitig Hamsterkäufe. Denn das Kooperationsprinzip in der Kommunikation besagt, dass wir immer davon ausgehen, dass etwas, das jemand sagt, für die gegebene Situation irgendwie relevant ist. Dabei handelt es sich um einen Automatismus: Wir suchen einen Sinn für das, was Politiker/innen während dieser Corona-Krise sagen und gehen davon aus, dass sie es nicht „einfach so“ äußern würden. Wir folgern, dass es tatsächlich einen Grund zur Panik geben muss, laufen zum Supermarkt und kaufen die Regale leer. Interessant, oder?

3) Sprachliche Neuerfindungen in Zeiten von Corona.

Schon mal was von Corona-Idioten oder von Corona-Hochzeit gehört? Das sind nur zwei von unzähligen sprachlichen Neuerfindungen, die mit dem Corona-Virus in Zusammenhang stehen. Als Corona-Idioten werden solche Menschen bezeichnet, die in Zusammenhang mit Corona ein unpassendes Verhalten an den Tag legen. Das können z.B. Leute sein, die die Kontakt- oder Ausgangssperre missachten oder auch Politiker/innen, die sich weigern oder geweigert hatten, den Corona-Virus als real zu akzeptieren (ohne hier Namen zu nennen…). Zu einer Corona-Hochzeit kam es in Spanien, wo sich ein Paar auf seinem Balkon getraut hat. Da die eigene Familie coronabedingt nicht anwesend sein konnte, schlüpften die Nachbarn/innen in die Rolle von Hochzeitsgästen und verfolgten die Trauung von ihren Balkonen aus. In diesen Zeiten muss man einfach ein bisschen einfallsreich sein…

4) Das gemeinsame Kochen am Abend ist das Highlight des Tages.

Und zum Schluss noch etwas, das ich nun viel mehr zu schätzen weiß als vor Corona: das gemeinsame Kochen mit meinem Freund am Abend. Dieses Kochen – und natürlich auch das anschließende Essen – stellt das Highlight unseres Tages dar. Dabei sprechen wir über (Corona-)Neuigkeiten, über das (ständige) negative Credo in den hiesigen Nachrichten und freuen uns, wenn Oliver Pocher ein neues Video online gestellt hat, in dem er auf unterhaltsame Art und Weise die Unsinnigkeit von Influencer-Produkten reflektiert (kann man mögen, muss man aber nicht). Man könnte diese Aktivitäten fast schon als Corona-Rituale (neue Wortschöpfung!) bezeichnen, die hoffentlich auch nach Corona noch Teil unseres Alltags sind/sein können… 😉

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Die babylonische Orchesterprobe

In meinem heutigen Blog-Beitrag möchte ich ein Video teilen, das Ende Jänner diesen Jahres bei einem Science Slam in der ARGEKultur in Salzburg von mir aufgenommen wurde. Dabei habe ich über mein Dissertationsprojekt geslammt oder genauer gesagt über einen Teil davon, und zwar den mehrsprachigen Charakter von Orchesterproben.

Ich möchte auch nicht vielmehr zu dem Video sagen, denn es spricht für sich selbst. Also: Viel Spaß beim Schauen! 🙂

P.S.: Ich freue mich auf Kommentare und Rückmeldungen zu dem Video, danke!

mm

Rammelstein Maccheroni, Kronplatz Burger, Pommes Fritz – ÖLT in Salzburg

Heute mal wieder ein Blogbeitrag zu einem etwas anderen Thema als Orchesterproben, und zwar zu Eigennamen enthaltende Speisebezeichnungen in Südtiroler Speisekarten.

Am 6. Dezember habe ich auf der ÖLT (Österreichische Linguistiktagung) in Salzburg einen Vortrag in der Sektion Onomastik zu Eigennamen in Speisekarten gehalten und mich dabei dafür interessiert, welche Eigennamen für Speisebezeichnungen verwendet werden und welche Funktionen sie erfüllen.

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Sehr häufig werden Toponyme (Ortsnamen) verwendet, um bestimmte Gerichte zu benennen. Bei solchen Toponymen kann es sich entweder um einen unmittelbaren Ort, um einen weiter entfernten Ort oder um eine Zubereitungsart mit Ortsverweis handeln:

  • Unmittelbarer Ort + Gericht: Rammelstein Maccheroni, Kronplatz Burger, Vinschger Schneemilch, Südtiroler Speckbrettl;
  • Weiter entfernter Ort + Gericht: Nürnberger Rostbratwürstel, Original Münchner Weißwurst, Buffalo Chicken Wings;
  • Gericht + Zubereitungsart mit Ortsverweis: Saltimbocca alla romana, Wienerschnitzel, Bayerische Creme.

Daneben werden Anthroponyme (Personennamen) in Speisebezeichnungen verwendet. Mögliche Kombinationen sind:

  • Gericht + Zubereitungsart mit Verweis auf eine bestimmte Person: Tiroler Speckknödel nach Steffis Art, Almsünden – Hausgemachte Kuchen: Patrizias Tageskuchen;
  • Gericht + Eigenname / Eigenname + Gericht: Pommes Fritz, A.H. (Andreas Hofer) Pfandl, Caesar’s Salad;
  • Gericht + Restaurant / Restaurant + Gericht: Manzo tonnato sichelburg style, Ofenkäse Capriz, Weißes Kreuz Burger;
  • Adjektiv + Eigenname: Hoasse Zenzi, Knuspriger Hons, Frying Nemo;

Die Beispiele zeigen, dass zum einen Wortspiele sehr beliebt sind (z.B. Frying Nemo, Manzo tonnato sichelburg style, Hoasse Zenzi) und, dass zum anderen der Faktor „country/region/place of origin“ eine wichtige Rolle bei der Benennung von Speisen mit Eigennamen spielt (z.B. Südtiroler Speckbrettl, Vinschger Schneemilch). Ich konnte in meinen untersuchten Speisekarten insgesamt 13 Verweise auf Südtirol/Tirol sowie 14 Verweise auf einen in Südtirol befindlichen Ort ermitteln. Durch die Verwendung solcher Toponyme wird eine enge Verbindung mit dem Ort/Land hergestellt. Gleichzeitig wird das Gericht aufgewertet, d.h. mit einem bestimmten Wert an Qualität versehen.

Damit einher gehen auch die Funktionen von Eigennamen enthaltenden Speisebezeichnungen. Es kommt zum Ausdruck von Regionalität im Sinne von ‚Wir hängen an unseren lokalen, traditionellen Gerichten‘ und gleichzeitig zur Vermittlung einer gewissen Modernität, etwa durch den Einsatz von sprachspielerischen Elementen. Außerdem konnte ich feststellen, dass Speisebezeichnungen dialektalisiert werden, z.B. Puschtra Rauchkuchl, Antholza Almfrühstück, Feine Liesl. Solche Dialektalisierungen tragen ebenfalls dazu bei, eine enge Verknüpfung zum eigenen Land, zur eigenen Sprache herzustellen. Das bedeutet auch, dass Speisebezeichnungen, die Eigennamen beinhalten, an Objektivität verlieren, allerdings ebenso an Subjektivität gewinnen.

Soviel zu meinen Ergebnissen. Ich fand es spannend, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und mich ein wenig in die Vorgehensweise und Methodik der Onomastik einzulesen. Ich werde dazu auch noch einen Aufsatz schreiben, der in der Zeitschrift Österreichische Namenforschung veröffentlicht wird. Und wer weiß, vielleicht setze ich mich auch noch mit weiteren Themen aus onomastischer Perspektive auseinander… 🙂

mm